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Aktion "Bücher aus dem Feuer" 2017

 

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Impressum

   


Texte zur Auswahl

"Feuersprüche"

   

Alfred Adler ***

Karl Marx ***

Zitate

Der Wassergreis

Michail Bakunin ***

In seinem Sessel

Zitate

Erich Mühsam ***

Bertolt Brecht

Der Revoluzzer

An die Nachgeborenen

Kriegslied

An meine Landsleute

Liebesweh

Die Bücherverbrennung

Klaus Neukrantz ***

Kinderhymne

Barrikaden am Wedding

Hermann Broch

Else Lasker-Schüler ***

Denn das Wahre ist ernst

Versöhnung

Alfred Döblin

Nur dich

Die Geschichte vom Franz Biberkopf

Weltende

Albert Einstein

Erich Maria Remarque

Bedrohung

Nacht an der Front

Vorurteil

Joachim Ringelnatz ***

Yvan Goll

Ein Nagel saß in einem Stück Holz

Rückkehr ins All

Ehrgeiz

Heinrich Heine ***

Der Briefmark

Das neue israelitische Hospital zu Hamburg

Zu einem Geschenk

Der Tambourmajor

Ludwig Rubiner ***

Entartung

Die Stadt

Nachtgedanken

Mein Haus

Ödön von Horváth ***

Anna Seghers

Du

Das siebte Kreuz - Auszug I

Und die Leute werden sagen

Das siebte Kreuz - Auszug II

Erich Kästner

Das siebte Kreuz - Auszug III

Abendlied des Kammervirtuosen

Das siebte Kreuz - Auszug IV

Auf einer kleinen Bank vor einer großen Bank

Kurt Tucholsky ***

Das Führerproblem, genetisch betrachtet

An das Publikum

Die Entwicklung der Menschheit

Danach

Hunger ist heilbar

Der Graben

Franz Kafka ***

Olle Kamellen

Die Welt - Franz Kafka

Heinrich Vogeler ***

Erkenne Dich selbst

Leise lockend

Kühl und hart

Von dem Berge

Mascha Kaléko

Wir sassen still

Weil du nicht da bist

Frank Wedekind ***

Eines Morgens wachst du auf

Die Hunde

Klabund ***

Die Schriftstellerhymne

Bürgerliches Weihnachtsidyll

Idyll

Lied der Harfenjule

Tingel-Tangel

Obdachlosenasyl

Erich Weinert

Karl Kraus ***

Ferientag eines Unpolitischen

Der sterbende Soldat

Franz Werfel ***

Der Zeuge

An den Leser

Zwei Soldatenlieder

Ich habe eine gute Tat getan

 

*** Gemeinfreie Autoren (nach unseren Recherchen, ohne Gewähr). Eine Liste der gemeinfreien Autoren 2017 finden Sie hier
Bei diesem Symbol: Adobe PDF File finden Sie den jeweiligen Text zum Download oder zum Ausdrucken als pdf-File.

 

Zitate
Alfred Adler

 Alle menschlichen Verfehlungen sind das Ergebnis eines Mangels an Liebe...


,,Neurose ist kein Konflikt zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, sie ist die Reaktionsweise des verängstigten Ichs, dient der Sicherung".


"Man darf wohl feststellen, dass die Bedeutung des mütterlichen Kontaktes für die Entwicklung des menschlichen Gemeinschaftsgefühls von allergrösster Bedeutung ist. Ein Verzicht auf diesen übermächtigen Hebel der Entwicklung der Menschheit würde uns in die grösste Verlegenheit bringen, einen halbwegs zureichenden Ersatz zu finden, ganz abgesehen davon, dass sich das mütterliche Kontaktgefühl als ein unverlierbarer Besitz der Evolution mit Unerbittlichkeit gegen eine Zerstörung zur Wehr setzen würde. Wahrscheinlich verdanken wir dem mütterlichen Kontaktgefühl den grössten Teil des menschlichen Gemeinschaftsgefühls, und damit auch den wesentlichen Bestand der menschlichen Kultur."


Die größte Gefahr im Leben ist, daß man zu vorsichtig wird...


Wir können nie verstehen,
welche Haltungen für einen Menschen charakteristisch sind,
wenn wir nur wissen, woher er kommt.
Wenn wir aber verstehen,
wohin er geht,
können wir seine zukünftigen Schritte
und sein zielgerichtetes Handeln vorhersagen.


"Die Minderwertigkeitsgefühle beherrschen das Seelenleben und lassen sich leicht aus dem Gefühl der Unvollkommenheit, der Unvollendung und aus dem ununterbrochenen Streben des Menschen und der Menschheit verstehen."


"Minderwertigkeitsgefühle sind nicht an sich abnormal. Sie sind die Ursache für alle Verbesserungen in der Lage der Menschheit. Selbst die Wissenschaft z.B. kann nur entstehen, wenn Menschen ihre Unwissenheit und die Notwendigkeit empfinden, die Zukunft vorauszusehen. Sie ist das Ergebnis des Strebens der Menschen, ihre ganze Lage zu verbessern, um mehr vom Universum zu wissen, um es besser kontrollieren zu können. Unsere ganze menschliche Kultur scheint tatsächlich auf Minderwertigkeitsgefühlen zu ruhen."

Adobe PDF File Zitate - Alfred Adler

Zitate
Michail Bakunin

„Vor der Ewigkeit ist alles nichtig.“  


„Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt davon, eine Beschränkung oder die Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung.“

(Werk: Gott und der Staat)


„Diejenigen, die sich weise auf das beschränkt haben, was ihnen möglich schien, sind niemals einen Schritt vorangekommen.“


 „Jede Gesellschaft bekommt die Revolution, die sie verdient.“


 „Ich werde so lange ein unmöglicher Mensch sein, wie diejenigen, die heute möglich sind, dies bleiben werden.“


 „Diejenigen, die immer nur das Mögliche fordern, erreichen gar nichts.
Diejenigen, die aber das Unmögliche fordern, erreichen wenigstens das Mögliche.“


 „Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: folglich existiert Gott nicht. Ich fordere jeden heraus, diesem Kreis zu entgehen, und nun mag man wählen.“

(Werk: Gott und der Staat)

Adobe PDF File Zitate - Michail Bakunin

 

An die Nachgeborenen
Bertolt Brecht

I
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

II
In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

III
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.

Adobe PDF File An die Nachgeborenen - Bertolt Brecht

 

An meine Landsleute

Bertolt Brecht

Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten

Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen!

Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen

Als ob die alten nicht gelanget hätten:

Ich bitt euch, habet mit euch selbst Erbarmen!

 

Ihr Männer, greift zur Kelle, nicht zum Messer!

Ihr säßet unter Dächern schließlich jetzt

Hättet ihr auf das Messer nicht gesetzt

Und unter Dächern sitzt es sich doch besser.

Ich bitt euch, greift zur Kelle, nicht zum Messer!

 

Ihr Kinder, daß sie euch mit Krieg verschonen

Müßt ihr um Einsicht eure Eltern bitten.

Sagt laut, ihr wollt nicht in Ruinen wohnen

Und nicht das leiden, was sie selber litten:

Ihr Kinder, dass sie euch mit Krieg verschonen!

 

Ihr Mütter, da es euch anheimgegeben

Den Krieg zu dulden oder nicht zu dulden

Ich bitt euch, lasset eure Kinder leben!

Daß sie euch die Geburt und nicht den Tod dann schulden

Ihr Mütter, lasset eure Kinder leben!

 

aus „Bertold Brecht, Gedichte“

Adobe PDF File An meine Landsleute - Bertolt Brecht


Bertolt Brecht
Die Bücherverbrennung

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen
Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben
Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern
Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte
Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der
Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine
Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch
Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.
Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt
mich!
Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch,
Verbrennt mich!

Adobe PDF File Die Bücherverbrennung - Bertolt Brecht

 

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Bertolt Brecht
Kinderhymne

Adobe PDF File Kinderhymne - Bertolt Brecht

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

(1949)

 

Denn das Wahre ist ernst
Hermann Broch

Denn das Wahre ist ernst; traue der Heiterkeit nicht.
Es verblassen des Abends die Farben der Landschaft, auch die heitersten,
und sie zeigt ihre ernsten Linien,
wenn der dunkelnde Ölbaum gegen des Himmels Dämmergrau steht
eingehüllt in Unbeweglichkeit.
Oh das Gewesene, das sich abends herabsenkt
als Ahnung des Immerseienden.
Dann wird der Stein zum Kristall, das Tagewerk aber ruht im
Ernste zum wahren Bleiben.

Adobe PDF File Denn das Wahre ist ernst - Hermann Broch

DIE GESCHICHTE VOM FRANZ BIBERKOPF
Alfred Döblin

Von einem einfachen MANN wird hier erzählt,
der in BERLIN am ALEXANDERPLATZ als Strassenhändler steht.

Der MANN hat vor anständig zu sein, da stellt ihm das Leben hinterlistig ein Bein.

Er wird betrogen, er wird in Verbrechen reingezogen,
zuletzt wird ihm seine BRAUT genommen und auf rohe Weise umgebracht.

Ganz aus ist es mit dem MANN FRANZ BIBERKOPF.

Am Schluss aber erhält er eine sehr klare Belehrung:

 

MAN FÄNGT NICHT SEIN LEBEN MIT GUTEN WORTEN

UND VORSÄTZEN AN,

MIT ERKENNEN UND VERSTEHEN FÄNGT MAN ES AN

UND MIT DEM RICHTIGEN NEBENMANN.

 

Ramponiert steht er zuletzt wieder am ALEXANDERPLATZ,

das Leben hat ihn mächtig angefasst.

Adobe PDF File DIE GESCHICHTE VOM FRANZ BIBERKOPF -
Alfred Döblin

Bedrohung
Albert Einstein

Die Welt wird nicht bedroht

von den Menschen,

die böse sind,

sondern von denen,

die das Böse zulassen.

Adobe PDF File Bedrohung - Albert Einstein

Vorurteil
Albert Einstein

Welch triste Epoche,

in der es leichter ist,

ein Atom zu zertrümmern

als ein Vorurteil. 

Adobe PDF File Vorurteil - Albert Einstein

Rückkehr ins All
Yvan Goll

Adobe PDF File Rückkehr ins All  - Yvan Goll

Täglich bröckelt

Ein Stück von mir ab:

Stunde um Stunde

Haar um Haar

Kuss um Kuss

Fallen zurück ins Unendliche:

 
Nur meine Augen altern nicht

Geliebte

Solange dein Licht sie bestrahlt

 

Das neue israelitische Hospital zu Hamburg

Heinrich Heine

Ein Hospital für arme, kranke Juden,
Für Menschenkinder, welche dreifach elend,
Behaftet mit den bösen drei Gebresten,
Mit Armut, Körperschmerz und Judentume!

 

Das schlimmste von den dreien ist das letzte,
Das tausendjährige Familienübel,
Die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage,
Der altägyptisch ungesunde Glauben.

 

Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen
Nicht Dampfbad, Dusche, nicht die Apparate
Der Chirurgie, noch all die Arzeneien,
Die dieses Haus den siechen Gästen bietet.

 

Wird einst die Zeit, die ew'ge Göttin, tilgen
Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater
Herunter auf den Sohn - wird einst der Enkel
Genesen und vernünftig sein und glücklich?

 

Ich weiß es nicht! Doch mittlerweile wollen
Wir preisen jenes Herz, das klug und liebreich
Zu lindern suchte, was der Lindrung fähig,
Zeitlichen Balsam träufelnd in die Wunden.

 

Der teure Mann! Er baute hier ein Obdach
Für Leiden, welche heilbar durch die Künste
Des Arztes (oder auch des Todes!), sorgte
Für Polster, Labetrank, Wartung und Pflege –

 

Ein Mann der Tat, tat er, was eben tunlich;
Für gute Werke gab er hin den Taglohn
Am Abend seines Lebens, menschenfreundlich,
Durch Wohltun sich erholend von der Arbeit.

 

Er gab mit reicher Hand - doch reichre Spende
Entrollte manchmal seinem Aug', die Träne,
Die kostbar schöne Träne, die er weinte
Ob der unheilbar großen Brüderkrankheit.

 

aus „Heinrich Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“

Adobe PDF File Das neue israelitische Hospital zu Hamburg - Heinrich Heine


Der Tambourmajor

Heinrich Heine

Das ist der alte Tambourmajor,
Wie ist er jetzt herunter!
Zur Kaiserzeit stand er in Flor,
Da war er glücklich und munter.

 

Er balancierte den großen Stock,
Mit lachendem Gesichte;
Die silbernen Tressen auf seinem Rock,
Die glänzten im Sonnenlichte.

 

Wenn er mit Trommelwirbelschall
Einzog in Städten und Städtchen,
Da schlug das Herz im Widerhall
Den Weibern und den Mädchen.

 

Er kam und sah und siegte leicht
Wohl über alle Schönen;
Sein schwarzer Schnurrbart wurde feucht
Von deutschen Frauentränen.

 

Wir mußten es dulden! In jedem Land,
Wo die fremden Eroberer kamen,
Der Kaiser die Herren überwand,
Der Tambourmajor die Damen.

 

Wir haben lange getragen das Leid,
Geduldig wie deutsche Eichen,
Bis endlich die hohe Obrigkeit
Uns gab das Befreiungszeichen.

 

Wie in der Kampfbahn der Auerochs
Erhuben wir unsere Hörner,
Entledigten uns des fränkischen Jochs
Und sangen die Lieder von Körner.

 

Entsetzliche Verse! sie klangen ins Ohr
Gar schauderhaft den Tyrannen!
Der Kaiser und der Tambourmajor,
Sie flohen erschrocken von dannen.

 

Sie ernteten beide den Sündenlohn
Und nahmen ein schlechtes Ende.
Es fiel der Kaiser Napoleon
Den Briten in die Hände.

Wohl auf der Insel Sankt Helena,
Sie marterten ihn gar schändlich;
Am Magenkrebse starb er da
Nach langen Leiden endlich.

 

Der Tambourmajor, er ward entsetzt
Gleichfalls von seiner Stelle.
Um nicht zu verhungern, dient er jetzt
Als Hausknecht in unserm Hotele.

 

Er heizt den Ofen, er fegt den Topf,
Muß Holz und Wasser schleppen.
Mit seinem wackelnd greisen Kopf
Keucht er herauf die Treppen.

 

Wenn mich der Fritz besucht, so kann
Er nicht den Spaß sich versagen,
Den drollig schlotternd langen Mann
Zu nergeln und zu plagen.

 

»Laß ab mit Spöttelei'n, o Fritz!
Es ziemt Germanias Söhnen
Wohl nimmermehr, mit schlechtem
Witz Gefallene Größe zu höhnen.

 

Du solltest mit Pietät, mich deucht,
Behandeln solche Leute;
Der Alte ist dein Vater vielleicht
Von mütterlicher Seite.«

 

aus „Heinrich Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“

Adobe PDF File Der Tambourmajor - Heinrich Heine


Entartung

Heinrich Heine

Hat die Natur sich auch verschlechtert,
Und nimmt sie Menschenfehler an?
Mich dünkt, die Pflanzen und die Tiere,
Sie lügen jetzt wie jedermann.

 

Ich glaub nicht an der Lilie Keuschheit,
Es buhlt mit ihr der bunte Geck,
Der Schmetterling; er küßt und flattert
Am End' mit ihrer Unschuld weg.

 

Von der Bescheidenheit der Veilchen
Halt ich nicht viel. Die kleine Blum',
Mit den koketten Düften lockt sie,
Und heimlich dürstet sie nach Ruhm.

 

Ich zweifle auch, ob sie empfindet,
Die Nachtigall, das, was sie singt;
Sie übertreibt und schluchzt und trillert
Nur aus Routine, wie mich dünkt.

 

Die Wahrheit schwindet von der Erde,
Auch mit der Treu' ist es vorbei.
Die Hunde wedeln noch und stinken
Wie sonst, doch sind sie nicht mehr treu.

 

aus „Heinrich Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“

Adobe PDF File Entartung - Heinrich Heine


Nachtgedanken

Heinrich Heine

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

 

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

 

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

 

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

 

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wiederfinden.

 

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

 

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt - wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

 

Und zählen muß ich - Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust - Gottlob! Sie weichen!

 

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

 

aus „Heinrich Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“

Adobe PDF File Nachtgedanken - Heinrich Heine


Ödön von Horváth
Du

Wenn ich schreibe
Schreibe ich Dir.
Wenn ich schreite
Schreit ich zu Dir.
Wenn ich denke
Denk ich an Dich.
– Und wenn ich Dich küsse
Küßt Du mich nicht.

Adobe PDF File Du - Ödön von Horváth

Ödön von Horváth
[Und die Leute werden sagen]

 

Und die Leute werden sagen
In fernen blauen Tagen
Wird es einmal recht
Was falsch ist und was echt

Was falsch ist, wird verkommen
Obwohl es heut regiert.
Was echt ist, das soll kommen –
Obwohl es heut krepiert.

Adobe PDF File Und die Leute werden sagen -
     Ödön von Horváth

Erich Kästner
Abendlied des Kammervirtuosen

Du meine neunte Sinfonie!
Wenn du das Hemd an hast mit rosa Streifen...
Komm wie ein Cello zwischen meine Knie,
Und laß mich zart in deine Seiten greifen!

 

Laß mich in deinen Partituren blättern.
(Sie sind voll Händel, Graun und Tremolo) -
Ich möchte dich in alle Winde schmettern,
Du meiner Sehnsucht dreigestrichnes Oh!

 

Komm laß uns durch Oktvengänge schreiten!
(Das Furioso, bitte, noch einmal!)
Darf ich dich mit der linken Hand begleiten?
Doch beim Crescendo etwas mehr Pedal!!

 

Oh deine Klangfigur! Oh die Akkorde!
Und der Synkopen rhythmischer Kontrast!
Nun senkst du deine Lider ohne Worte...
Sag einen Ton, falls du noch Töne hast!

Adobe PDF File Abendlied des Kammervirtuosen - Erich Kästner

Auf einer kleinen Bank vor einer großen Bank
Erich Kästner

Worauf mag die Gabe des Fleißes,
die der Deutsche besitzt, beruhn?
Deutschsein heißt - der Deutsche weiß es -
Dinge um ihrer selbst willen tun.

Wenn er spart, dann nicht deswegen,
daß er später was davon hat.
Nein, ach nein, Geld hinterlegen
findet ohne Absicht statt.

Uns erfreut das bloße Sparen.
Geld persönlich macht nicht froh.
Regelmäßig nach paar Jahren
klaut Ihr's uns ja sowieso.

Nehmt denn hin, was wir ersparten
und verluderts dann und wann.
Und erfindet noch paar Arten,
wie man pleite gehen kann.

Wieder ist es Euch gelungen,
wieder sind wir auf dem Hund,
unser Geld hat ausgerungen
- Ihr seid hoffentlich gesund.

Heiter stehn wir vor den Banken,
Armut ist der Mühe Lohn.
Bitte, bitte, nicht zu danken. Keine Angst, wir gehen schon.


Und empfindet keine Reue.
Leider wurdet Ihr ertappt.

Doch wir halten Euch die Treue,
und dann sparen wir aufs Neue,
bis es wieder mal so klappt.

 

aus „Gesang zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag

Adobe PDF File Auf einer kleinen Bank vor einer großen Bank - Erich Kästner


'Erich Kästner

Das Führerproblem, genetisch betrachtet
Erich Kästner

Als Gott am ersten Wochenende
die Welt besah, und siehe, sie war gut,
da rieb er sich vergnügt die Hände.
Ihn packte eine Art von Übermut.

Er blickte stolz auf seine Erde
und sah Tuberkeln, Standard Oil und Waffen.
Da kam aus Deutschland die Beschwerde:
»Du hast versäumt, uns Führer zu erschaffen!«

Gott war bestürzt. Man kann's verstehn.
»Mein liebes deutsches Volk«, schrieb er zurück,
»es muss halt ohne Führer gehn.
Die Schöpfung ist vorbei. Grüß Gott. Viel Glück.

Nun standen wir mit Ohne da,
der Weltgeschichte freundlichst überlassen.
Und: Alles, was seitdem geschah,
ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen.


aus „Gesang zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag

Adobe PDF File Das Führerproblem, genetisch betrachtet -
Erich Kästner


Erich Kästner

Die Entwicklung der Menschheit
Erich Kästner

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

 

aus „Gesang zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag

Adobe PDF File Die Entwicklung der Menschheit - 
Erich Kästner


Erich Kästner

Hunger ist heilbar
Erich Kästner

Es kam ein Mann ins Krankenhaus
und erklärte, ihm sei nicht wohl.
Da schnitten sie ihm den Blinddarm heraus
und wuschen den Mann mit Karbol.

Befragt, ob ihm besser sei, rief er: „Nein.“
Sie machten ihm aber Mut
und amputierten sein linkes Bein
und sagten: „Nun geht‘s ihnen gut.“

Der arme Mann hingegen litt
und füllte das Haus mit Geschrei.
Da machten sie ihm den Kaiserschnitt
Um nachzusehen, was denn sei.

Sie waren Meister in ihrem Fach
Und schnitten sogar ein Gesicht.
Er schwieg. Er war zum Schreien zu schwach,
doch sterben tat er noch nicht.

Sein Blut wurde freilich langsam knapp.
Auch litt er an Atemnot.
Sie sägten ihm noch drei Rippen ab.
Dann war er endlich tot.

Der Chefarzt sah die Leiche an.
Da fragte ein anderer, ein Junger:
„Was fehlt denn dem armen Mann?“
Der Chefarzt schluchzte und murmelte dann:
„Ich glaube, er hatte nur Hunger.“

 

aus „Gesang zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag

Adobe PDF File Hunger ist heilbar - Erich Kästner


Erich Kästner - Gesang zwischen den Stühlen

Die Welt
Franz Kafka

Die Welt
sie dreht
Die Menschen
drehen nach oben und unten
Ich fliege, entfernt aller
und sehe sie drehen
und stehe

Es ist ein Stöhnen und Jauchzen in der Welt,
das nicht durch meine Augen dringt.
Sie sehen es.
Ja.
Aber das nicht durch meine Augen dringt.

Die Menschen
sie lieben und leiden
Sie sind oben und unten
und in der Mitte
Innen und Außen
Ich Außen Mitte
Ich Innen

Die Sprache versagt,
schenke mir die Worte
die brauchbaren Worte.
Ich sehne mich nach ihnen
und den Innenaugen

Die Welt sie dreht noch immer
Ich nicht stehe im Jenseits,
im Nirgends

Adobe PDF File Die Welt - Franz Kafka

 
 

Erkenne Dich selbst

Franz Kafka

Erkenne Dich selbst bedeutet nicht: Beobachte Dich.

Beobachte Dich ist das Wort der Schlange.

Es bedeutet: Mache Dich zum Herrn Deiner Handlungen.

Nun bist Du es aber schon, bist Herr Deiner Handlungen.

Das Wort bedeutet also: Verkenne Dich! Zerstöre Dich!

also etwas Böses und nur wenn man sich sehr tief hinabbeugt,

hört man auch sein Gutes, welches lautet:

"um Dich zu dem zu machen, der Du bist."

Adobe PDF File Erkenne Dich selbst - Franz Kafka

 

Kühl und hart

Franz Kafka

 

Kühl und hart ist der heutige Tag.
Die Wolken erstarren.
Die Winde sind zerrende Taue.
Die Menschen erstarren.
Die Schritte klingen metallen
Auf erzenen Steinen,
Und die Augen schauen
Weite weiße Seen.

In dem alten Städtchen stehn
Kleine helle Weihnachtshäuschen,
Ihre bunte Scheiben sehn
Auf das schneeverwehte Plätzchen.
Auf dem Mondlichtplatze geht
Still ein Mann im Schnee fürbaß,
Seinen großen Schatten weht
Der Wind die Häuschen hinauf.

Menschen, die über dunkle Brücken gehn,
vorüber an Heiligen
mit matten Lichtlein.

Wolken, die über grauen Himmel ziehn
vorüber an Kirchen
mit verdämmernden Türmen.
Einer, der an der Quaderbrüstung lehnt
und in das Abendwasser schaut,
die Hände auf alten Steinen.

Adobe PDF File Kühl und hart - Franz Kafka

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Weil du nicht da bist

Mascha Kaleko

Weil du nicht da bist, sitze ich und schreibe
All meine Einsamkeit auf dies Papier.
Ein Fliederzweig schlägt an die Fensterscheibe.
Die Maiennacht ruft laut. Doch nicht nach mir.

Weil du nicht bist, ist der Bäume Blühen,
Der Rosen Duft vergebliches Bemühen,
Der Nachtigallen Liebesmelodie
Nur in Musik gesetzte Ironie.

Weil du nicht da bist, flücht ich mich ins Dunkel.
Aus fremden Augen starrt die Stadt mich an
Mit grellem Licht und lärmendem Gefunkel,
Dem ich nicht folgen, nicht entgehen kann.

Hier unterm Dach sitz ich beim Lampenschirm;
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt.
November singt in mir sein graues Lied.
»Weil du nicht da bist« flüstert es im Zimmer.

»Weil du nicht da bist« rufen Wand und Schränke,
Verstaubte Noten über dem Klavier.
Und wenn ich endlich nicht mehr an dich denke,
Die Dinge um mich reden nur von dir.

Weil du nicht da bist, blättre ich in Briefen
Und weck vergilbte Träume, die schon schliefen.
Mein Lachen, Liebster, ist dir nachgereist.
Weil du nicht da bist, ist mein Herz verwaist.

Adobe PDF File Weil du nicht da bist - Mascha Kaleko

 

Mascha Kaléko
Eines Morgens wachst du auf

Eines Morgens wachst du auf
und bist nicht mehr am Leben.
Über Nacht, wie Schnee und Frost,
hat es sich begeben.
Aller Sorgen dieser Welt bist du nun enthoben.
Krankheit, Alter, Ruhm und Geld sind wie Wind zerstoben.
Friedlich sonnst du dich im Licht einer neuen Küste
ohne Ehrgeiz, ohne Pflicht.

- Wenn man das nur wüsste!

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Klabund
Bürgerliches Weihnachtsidyll

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Einen Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich!
Oh Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum, o Tannenbaum.

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

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Klabund
Lied der Harfenjule

Emsig dreht sich meine Spule

Immer zur Musik bereit,

Denn ich bin die Harfenjule

Schon seit meiner Kinderzeit.

 

Niemand schlägt wie ich die Saiten,

Niemand hat wie ich Gewalt.

Selbst die wilden Tiere schreiten

Sanft wie Lämmer durch den Wald.

 

Und ich schlage meine Harfe,

Wo und wie es immer sei,

Zum Familienbedarfe,

Kindstauf oder Rauferei.

 

Reich mir einer eine Halbe

Oder einen Groschen nur.

Als des Sommers letzte Schwalbe

Schwebe ich durch die Natur.

 

Und so dreht sich meine Spule,

Tief vom Innersten bewegt,

Bis die alte Harfenjule

Einst im Himmel Harfe schlägt.

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Klabund
Obdachlosenasyl

Ich war'n junges Ding, man immer frisch und flink.
Da kam von Borsig einer, der hatte Zaster und Grips.
So hübsch wie er war keiner mit seinem roten Schlips.
Er kaufte mir 'nen neuen Hut.
Wer weiß, wie Liebe tut.
Berlin, wie süß ist dein Paradies!
Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat.
Schwamm drüber.
Tralalalá.

 

Ich immer mit'n mit. Da ging der Kerl verschütt.
Als ich im achten schwanger des Nacht bei Wind und Sturm,
schleppt' ich nich auf'n Anger, vergrub das arme Wurm.
Es schrie mein Herz, es brannte mein Blut.
Wer weiß, wie Liebe tut.
Berlin, wie süß ist dein Paradies!
Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat.
Schwamm drüber.
Tralalalá.

 

Jetzt schieb' ich auf'n Strich. Ich hab' 'nen Ludewich.
In einem grünen Wagen des Nachts um halber zwee,
da ham' se mich jefahren in die Charité.
Verwest mein Herz, verfault mein Blut.
Wer weiß, wie Liebe tut.
Berlin, wie süß ist dein Paradies!
Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat.
Schwamm drüber.
Tralalalá.

 

Krank bin ich allemal. Es ist mir allens ejal.
Der Weinstock, der trägt Reben, und kommt 'n junger Mann,
ich schenk' ihm was fürs Leben, daß er an mich denken kann.
Quecksilber und Absud,
wer weiß, wie Liebe tut.
Berlin, wie süß ist dein Paradies!
Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat.
Schwamm drüber.
Tralalalá.

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Karl Kraus
Der sterbende Soldat

Hauptmann, hol her das Standgericht!
Ich sterb' für keinen Kaiser nicht!
Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht!
Bin tot ich, salutier' ich nicht!

Wenn ich bei meinem Herren wohn',
ist unter mir des Kaisers Thron,
und hab' für sein Geheiß nur Hohn!
Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.

Wenn ich in meinem Herrn entschlief,
kommt an mein letzter Feldpostbrief.
Es rief, es rief, es rief, es rief!
Oh, wie ist meine Liebe tief!

Hauptmann, du bist nicht bei Verstand,
daß du mich hast hierher gesandt.
Im Feuer ist mein Herz verbrannt.
Ich sterbe für kein Vaterland!

Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht!
Seht, wie der Tod die Fessel bricht!
So stellt den Tod vors Standgericht!
Ich sterb', doch für den Kaiser nicht.

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Karl Kraus
Der Zeuge

Fluch, Kaiser, dir! Ich spüre deine Hand,
an ihr ist Gift und Nacht und Vaterland!
Sie riecht nach Pest und allem Untergang.
Dein Blick ist Galgen und dein Bart der Strang!
Dein Lachen Lüge und dein Hochmut Haß,
dein Zorn ist deiner Kleinheit Übermaß,
der alle Grenze, alles Maß verrückt,
um groß zu sein, wenn er die Welt zerstückt.
Vom Rhein erschüttert ward sie bis zum Ganges
durch einen Heldenspieler zweiten Ranges!
Der alten Welt warst du doch kein Erhalter,
gabst du ihr Plunder aus dem Mittelalter.
Verödet wurde ihre Phantasie
von einem ritterlichen Weltkommis!

Nahmst ihr das Blut aus ihren besten Adern
mit deinen Meer- und Luft- und Wortgeschwadern.
Nie würde sie aus Dreck und Feuer geboren!
Mit deinem Gott hast du die Schlacht verloren!
Die offenbarte Welt, so aufgemacht,
von deinem Wahn um ihren Sinn gebracht,
so zugemacht, ist sie nur Fertigware,
mit der der Teufel zu der Hölle fahre!
Von Gottes Zorn und nicht von seinen Gnaden,
regierst du sie zu Rauch und Schwefelschwaden.
Rüstzeug des Herrn! Wir werde ihn erst preisen,
wirft es dich endlich zu dem alten Eisen!
Komm her und sieh, wie sich ein Stern gebiert,
wenn man die Zeit mit Munition regiert!
Laß deinen Kanzler, deine Diplomaten
durch dieses Meer von Blut und Tränen waten!
Fluch, Kaiser, dir und Fluch auch deiner Brut,
hinreichend Blut, ertränk sie in der Flut!
Ich sterbe, einer deutschen Mutter Sohn.
Doch zeug' ich gegen dich vor Gottes Thron!

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Karl Kraus
Zwei Soldatenlieder

In einem totenstillen Lied
vom Weh zum Wort die Frage zieht:
Wer weiß wo.

 

Wer weiß, wo dieses stille Leid
begraben liegt, es lärmt die Zeit
vorüber so.

 

Sie schweigt nicht vor der Ewigkeit
und stirbt und ist doch nicht bereit
zur letzten Ruh.

 

In einem lebenslauten Lied
vom Wahn zum Wort die Frage zieht:
Wer weiß wozu!

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Karl Marx
Der Wassergreis

Wasser rauscht so seltsam dort,
Kreist sich in Wellen fort,
Glaubt wohl! es fühle nicht,
Wie sich die Woge bricht,
Kalt sei's im Herzen, kalt in dem Sinn,
Rausche nur, rausche nur hin.

Doch in den Wellen, im Abgrund heiß,
Sitzt gar ein alternder Greis,
Tanzt auf, tanzt ab, wenn der Mond sich zeigt,
Wenn Sternlein aus Wolken steigt,
Springt gar seltsam und ringt gar sehr,
Will trinken das Bächlein leer.

Wellen sind ja die Mörder sein,
Zehren und nagen des Alten Gebein,
Grinzt ihm eisig durch Mark und Glied,
Wenn er die Wogen so springen sieht,
Schneid't gar ein bängliches Wehgesicht,
Bis Sonnenglanz Mondtanz verbricht.

Wasser rauscht dann so seltsam dort,
Kreist sich in Wellen fort,
Glaubt' wohl, es fühle nicht,
Wie sich die Woge bricht,
Kalt sei's im Herzen, kalt in dem Sinn,
Rausche nur, rausche nur hin.

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Karl Marx
In seinem Sessel...

In seinem Sessel, behaglich dumm,
Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
Braust der Sturm herüber, hinüber,
Wölkt sich der Himmel düster und trüber,
Zischen die Blitze schlängelnd hin,
Das rührt es nicht in seinem Sinn.
Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget,
Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget,
Dann hebt's sich und macht ein Geschrei,
Und schreibt ein Buch: "der Lärm sei vorbei."
Fängt an darüber zu phantasieren,
Will dem Ding auf den Grundstoff spüren,
Glaubt, das sei doch nicht die rechte Art,
Der Himmel spaße auch ganz apart,
Müsse das All systematischer treiben,
Erst an dem Kopf, dann an den Füßen reiben,
Gebärd't sich nun gar, wie ein Kind,
Sucht nach Dingen, die vermodert sind,
Hätt' indessen die Gegenwart sollen erfassen,
Und Erd' und Himmel laufen lassen,
Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang,
Und die Welle braust ruhig den Fels entlang.

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Erich Mühsam
Der Revoluzzer

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

 

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

 

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Strassen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

 

Sie vom Boden zu entfernen
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Strassenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

 

Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

 

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Lasst die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit."

 

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

 

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Adobe PDF File Der Revoluzzer - Erich Mühsam

Erich Mühsam
Kriegslied

Sengen, brennen, schießen, stechen,
Schädel spalten, Rippen brechen,
spionieren, requirieren,
patrouillieren, exerzieren,
fluchen, bluten, hungern, frieren...
So lebt der edle Kriegerstand,
die Flinte in der linken Hand,
das Messer in der rechten Hand -
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

 

Aus dem Bett von Lehm und Jauche
zur Attacke auf dem Bauche!
Trommelfeuer - Handgranaten -
Wunden - Leichen - Heldentaten -
bravo, tapfere Soldaten!
So lebt der edle Kriegerstand,
das Eisenkreuz am Preußenband,
die Tapferkeit am Bayernband,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

 

Stillgestanden! Hoch die Beine!
Augen gradeaus, ihr Schweine!
Visitiert und schlecht befunden.
Keinen Urlaub. Angebunden.
Strafdienst extra sieben Stunden.
So lebt der edle Kriegerstand.
Jawohl, Herr Oberleutenant!
Und zu Befehl, Herr Leutenant!
Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

 

Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
Bajonette, Schlachtgetümmel.
Vorwärts! Sterben oder Siegen
Deutscher kennt kein Unterliegen.
Knochen splittern, Fetzen fliegen.
So lebt der edle Kriegerstand.
Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
das Blut tropft in den Straßenrand,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Angeschossen - hochgeschmissen -
Bauch und Därme aufgerissen.
Rote Häuser - blauer Äther -
Teufel! Alle heiligen Väter!...
Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
So stirbt der edle Kriegerstand,
in Stiefel, Maul und Ohren Sand
und auf das Grab drei Schippen Sand -
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Adobe PDF File Kriegslied - Erich Mühsam

Erich Mühsam

Liebesweh

Zähre rieselt mir um Zähre
in des Betts zerwühltes Laken.
Bange Angstgedanken haken
sich an meiner Seele Schwere.

Schmerzgekrümmt sind meine Beine;
traurig triefend hängt der Bart
von den Tränen, die ich weine, -
und die Nase trieft apart...

Ach, es ist der Traum der Liebe,
den ich durch die Seele siebe.
Ach, es ist der Liebe Weh,
das mich zwickt vom Kopf zur Zeh. -

Armes Herz. Die Träume wittern
fernen Trost. Ich spann' die Ohren, -
fernherflüsternd, traumverloren,
murmelt ein geliebter Mund:
Schlapper Hund!

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Klaus Neukrantz
Barrikaden am Wedding

Adobe PDF File Barrikaden am Wedding - Klaus Neukrantz

Gewidmet dem unauslöschlichen revolutionären Andenken der 33 von der Polizei in den Maitagen 1929 in Berlin Erschossenen

 

125 Zentner Beton

 

„Nettelbeckplatz ...!"
Der junge Mensch sah verwirrt hoch und blinzelte mit verschlafenen Augen durch die Glasscheiben des Straßenbahnwagens.
„Ihre Zeitung, Herr ...", erinnerte ihn eine Frau und zeigte auf den Boden. Er bückte sich und schob die Zeitung in die Tasche — dann war er draußen.
Auf dem nassen, schmutzigen Asphalt spiegelten sich die gelben Lichter der Gaslaternen. Der unangenehme, feuchte Wind machte ihn munter. Aus dem Restaurant an der Haltestelle tönte Radiomusik. Er fror. Einen Mantel müsste man haben, dachte er und schlug den dünnen Rockkragen hoch. Er spuckte aus, steckte die Hände in die Hosentaschen und ging langsam über den Platz nach Hause.
Von der Pankstraße bog er in die kleine, halbdunkle Gasse ein, in der er wohnte. Die ärmlichen Läden waren schon geschlossen. Nur aus den Kneipen fielen schmale, trübe Lichtstreifen auf die menschenleere Straße, die von einzelnen Gaslaternen nur notdürftig beleuchtet war. Hinter den meist gardinenlosen Fenstern der höhen, dunklen Häuserreihen brannte hier und da das dünne, ärmliche Licht von Petroleumlampen. Aus einem offenen Kellerfenster drang der warme Dunst vom Wäschekochen. Wenige Häuser weiter war er zu Hause.
Vor der Haustür standen ein paar Weiber. Er antwortete nur kurz auf ihren Gruß und verschwand in dem dunklen Flur. Erst als er auf dem Hof das erleuchtete Küchenfenster seiner Wohnung sah, blieb er einen Moment stehen. Na ja ..., Anna war zu Hause, dachte er und wischte sich wie erleichtert über das müde Gesicht. Das war jeden Abend so, wenn er nach Hause kam und über den Hof ging. Er freute sich über das helle Fenster. Weiter nichts
In dem engen Treppenflur tastete er die paar Stufen hoch und schloss auf.
„Tach, Anna."
„Tach, Kurt."
Er hing die Mütze auf den Türhaken und ließ sich auf den Küchenstuhl fallen. Der junge Betonträger Kurt Zimmermann war zu Hause.
In der Küche war neben dem Herd gerade soviel Platz, dass zwei am Tisch sitzen konnten. Kurt schob die Ellenbogen auf die Platte und sah zu, wie Anna mit den Töpfen rumfuhrwerkte. Zum Erzählen war er zu müde, aber es machte ihm Spaß, still da zu sitzen und sie zu beobachten. So leicht und schnell ging ihr alles von der Hand.
Langsam kroch die Herdwärme in seine feuchte Kleidung. Es roch gut nach Fett und Zwiebeln. Ihm fiel ein, dass er schon seit Tagen versprochen hatte, mit ihr ins Kino zu gehen. Sollte man heute vielleicht tun, dachte er schläfrig. Machte Anna Spaß — wenn einem bloß die Knochen nicht so weh tun würden — der Polier wird immer verrückter — morgen müssen die Betonsäcke noch ein Stock höher geschleppt werden-----------.
Die Augen fallen ganz von alleine zu.
„So, Junge, nu' iss man ... Kurt! Du schläfst ja schon?!"
Sie schob den Teller hin und packte ihn an die Schulter. Er hob sein Gesicht und strich sich verschlafen über den Kopf. Jetzt merkte sie erst, wie blass und müde er wieder aussah Seitdem er die Arbeit draußen in Lichtenberg auf dem Bau hatte, kam er jeden Abend ganz kaputt zurück. Über ein halbes Jahr war er ohne Arbeit gewesen und vertrug das Tempo, das sie da hatten, einfach nicht mehr.
„Nee nee ...", lächelte er müde, „ich hab nich geschlafen " Er fing an zu essen. Anna setzte sich an die Querseite des Tisches und sah zu. Sie lachte leise. Der Löffel verschwand beinahe in seiner breiten, schweren Hand. Wenn er müde war, kam seine tollpatschige Schwerfälligkeit noch mehr zum Ausdruck, dabei war er gutmütig wie ein Kind. Nur in einem einzigen Punkt konnte er saugrob werden, und sie hütete sich, ihm nicht Öfter als unvermeidlich ihre persönliche Meinung darüber zu sagen. Schließlich hatte sie es ja vorher gewusst, als sie vor zwei Jahren heirateten, dass Kurt in der Arbeiterbewegung war und jede freie Minute dafür hergab Da war einfach nicht mit ihm zu reden. Wenn Sitzung war oder es sonst was zu tun gab, dann konnte er eher umfallen vor Müdigkeit, er musste bis in die späte Nacht unterwegs sein, und dann früh um halb sechs wieder raus. Als wenn es nicht genug arbeitslose Kollegen gäbe, die ausschlafen können! Was nützt das schließlich alles, wenn das bisschen Gesundheit auch noch zum Teufel geht? Sie verlangte sonst wirklich nicht viel von ihm. Sie war eine Arbeiterfrau und wusste schon, wie kurz die Decke war, unter der sie sich strecken mussten.
Vielleicht wollte er heute auch noch mal weg?! Vorsichtig fing sie an: „Du ... Kurt? Musst du nachher noch fort?"
„Nee, Anneken, heute geht's gleich in de Klappe! ... Det heißt," er sah sie etwas unsicher an, ..woll'n wa nich noch in Kintopp geh'n, Anna? Du wolls't doch immer?"
„Junge, du pennst ja doch bloß dabei ein," antwortete sie lachend, aber sie freute sich über seine trage. Sein Protest war nicht sehr überzeugend. — Sie gingen nicht immer so rücksichtsvoll miteinander um, wahrhaftig nicht. Anna sorgte sich ernstlich um ihn, weil sie sah, wie ihn die schwere Arbeit herkriegte. Das glich sich dann gelegentlich wieder aus, wenn sie ihren eigenen Kopf durchsetzte.
Vor ihrer Heirat hatte Anna lange in der Fabrik gearbeitet, das weiche, damals noch etwas verträumte Mädchen war in eine harte Schule gekommen. Anna kannte heute das Leben.
Er schob den Teller zurück und gähnte: „Has'te noch 'nen Schluck Kaffee?"
„Morgen, Kurt, geh' jetzt schlafen, um halb sechs is de Nacht rum."
Er stand auf und reckte sich. Ach, es war schon ein Hundeleben! Arbeiten, fressen, schlafen. Nur gut, dass heute mal kein« Sitzung war. Den Jungen bekam er auch nur noch nachts zu sehen.
Langsam fing er an, sich auszuziehen.
„Anna, morgen muss ick die alte Strickjacke wieder anziehen. Kiek ma, die is schon wieder an de Schultern kaputt."
Er warf die Kleider auf den Stuhl, alte, x-mal gestopfte und geflickte Sachen. Anna räumte noch schnell die Küche auf.
Mit nackten Füßen tappte er durch den engen Flur in das kalte Schlafzimmer, der einzige Raum, den die kleine Wohnung außer der Küche hatte.
Auf dem Stuhl vor seinem Bett brannte eine Kerze. Viel gab es hier nicht zu beleuchten. Nicht einmal richtige Fenstervorhänge hatten sie sich bisher kaufen können. Jeden Abend nahm Anna die rote, alte Bettdecke und hing sie vor das Fenster. In dem Bett seiner Frau schlief der Junge,
Kurt fror im Bett. Das Bettzeug roch feucht und muffig, wie die ganze Wohnung, an deren Wände ständig große, nasse Flecke waren.
Die Schultern, auf denen er lag, schmerzten durch den geringen Druck ihres eigenen Gewichts. — Eine Schufterei war es heute wieder gewesen ... 125 Zentner Beton hatte er die Treppen herauf in den Bau geschleppt ... nur nicht krank werden ... dann ist man die Arbeit los , , . nächsten Mittwoch wird nicht gearbeitet ... gut so ... morgen ist Sitzung ... wenn die bloß oben mit der verrückten Radiomusik aufhören würden ...
Anna zog sorgfältig den Wecker auf und stellte ihn auf den Stuhl.
Noch einmal tastete sich sein Bewusstsein an die Oberfläche zurück, als er spürte, wie Anna sich mit einem leisen Druck gegen sein Gesicht über ihn beugte, um mit der Hand das Licht neben ihm zu löschen.
Er fühlte, dass ihre Haut welch und warm war ...

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Else Lasker-Schüler

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen ...
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht -
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins -
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Adobe PDF File Versöhnung - Else Lasker-Schüler

 

Else Lasker-Schüler
Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel

Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild

Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturm will,

Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,

Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund

Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt,

Pocht -

Und sucht nur noch dich –

Wie soll ich dich rufen?

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Else Lasker-Schüler
Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.

 

Komm, wir wollen uns näher verbergen...
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

 

Du! wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Adobe PDF File Weltende - Else Lasker-Schüler

 

Erich Maria Remarque

Nacht an der Front

Adobe PDF File Nacht an der Front - Erich Maria Remarque

Das Auto bringt uns nach vorn. Ein dürftiger Wald nimmt uns auf. Wir passieren Gulaschkanonen; hinter dem Wald steigen wir ab. Die Wagen fahren zurück. Sie sollen uns morgen vor dem Hellwerden wieder abholen.
Nebel und Geschützrauch stehen in Brusthöhe über den Wiesen. Der Mond scheint darauf. Auf der Straße ziehen Truppen. Die Stahlhelme schimmern mit matten Reflexen im Mondlicht. Die Köpfe und die Gewehre ragen aus dem weißen Nebel; nickende Köpfe, schwankende Gewehrläufe.
Weiter vorn hört der Nebel auf. Die Köpfe werden hier zu Gestalten; - Röcke, Hosen und Stiefel kommen aus dem Nebel wie aus einem Milchteich. Sie formieren sich zur Kolonne. Die Kolonne marschiert, geradeaus, die Gestalten schließen sich zu einem Keil, man erkennt die einzelnen nicht mehr, nur ein dunkler Keil schiebt sich nach vorn, sonderbar ergänzt aus den im Nebelteich heranschwimmenden Köpfen und Gewehren. Eine Kolonne - keine Menschen.
Auf einer Querstraße fahren leichte Geschütze und Munitionswagen heran. Die Pferde haben glänzende Rücken im Mondschein, ihre Bewegungen sind schön, sie werfen die Köpfe, man sieht die Augen blitzen. Die Geschütze und Wagen gleiten vor dem verschwimmenden Hintergrund der Mondlandschaft vorüber, die Reiter mit ihren Stahlhelmen sehen aus wie Ritter einer vergangenen Zeit, es ist irgendwie schön und ergreifend.
Wir streben dem Pionierpark zu. Ein Teil von uns ladet sich gebogene, spitze Eisenstäbe auf die Schultern, der andere steckt glatte Eisenstöcke durch Drahtrollen und zieht damit ab. Die Lasten sind unbequem und schwer.
Das Terrain wird zerrissener. Von vorn kommen Meldungen durch - »Achtung, links tiefer Granattrichter« -
»Vorsicht, Graben« -
Unsere Augen sind angespannt, unsere Füße und Stöcke fühlen vor, ehe sie die Last des Körpers empfangen. Mit einmal hält der Zug; - man prallt mit dem Gesicht gegen die Drahtrolle des Vordermannes und schimpft.
Einige zerschossene Wagen sind im Wege. Ein neuer Befehl. »Zigaretten und Pfeifen aus.« - Wir sind dicht an den Gräben.
Es ist inzwischen ganz dunkel geworden. Wir umgehen ein Wäldchen und haben dann den Frontabschnitt vor uns.
Eine ungewisse, rötliche Helle steht am Horizont von einem Ende zum andern. Sie ist in ständiger Bewegung, durchzuckt vom Mündungsfeuer der Batterien. Leuchtkugeln steigen darüber hoch, silberne und rote Bälle, die zerplatzen und in weißen, grünen und roten Sternen niederregnen. Französische Raketen schießen auf, die in der Luft einen Seidenschirm entfalten und ganz langsam niederschweben. Sie erleuchten alles taghell, bis zu uns dringt ihr Schein, wir sehen unsere Schatten scharf am Boden. Minutenlang schweben sie, ehe sie ausgebrannt sind. Sofort steigen neue hoch, Überall, und dazwischen wieder die grünen, roten und blauen.
»Schlamassel«, sagt Kat.
Karl pfeift durch die Zähne. Ich weiß, was das heißen soll.
Das Gewitter der Geschütze verstärkt sich zu einem einzigen dumpfen Dröhnen und zerfällt dann wieder in Gruppeneinschläge. Die trockenen Salven der Maschinengewehre knarren. Über uns ist die Luft erfüllt von unsichtbarem Jagen, Heulen, Pfeifen und Zischen. Es sind kleinere Geschosse; - dazwischen orgeln aber auch die großen Kohlenkästen, die ganz schweren Brocken durch die Nacht und landen weit hinter uns. Sie haben einen röhrenden, heiseren, entfernten Ruf, wie Hirsche in der Brunft, und ziehen hoch über dem Geheul und Gepfeife der kleineren Geschosse ihre Bahn.

 

Die Scheinwerfer beginnen den schwarzen Himmel abzusuchen. Sie rutschen darüber hin wie riesige, am Ende dünner werdende Lineale. Einer steht still und zittert nur wenig. Sofort ist ein zweiter bei ihm, sie kreuzen sich, ein schwarzes Insekt ist zwischen ihnen und versucht zu entkommen: der Flieger. Er wird unsicher, geblendet und taumelt.
Wir rammen die Eisenpfähle in regelmäßigen Abständen fest. Immer zwei Mann halten eine Rolle, die andern spulen den Stacheldraht ab. Es ist der ekelhafte Draht mit den dichtstehenden, langen Stacheln. Ich bin das Abrollen nicht mehr gewöhnt und reiße mir die Hand auf.
Nach einigen Stunden sind wir fertig. Aber wir haben noch Zeit, bis die Lastwagen kommen. Die meisten von uns legen sich hin und schlafen. Ich versuche es auch. Doch es wird zu kühl. Man merkt, daß wir nahe am Meere sind, man wacht vor Kälte immer wieder auf.
Einmal schlafe ich fest. Als ich plötzlich mit einem Ruck hochfliege, weiß ich nicht, wo ich bin. Ich sehe die Sterne, ich sehe die Raketen und habe einen Augenblick den Eindruck, auf einem Fest im Garten eingeschlafen zu sein. Ich weiß nicht, ob es Morgen oder Abend ist, ich liege in der bleichen Wiege der Dämmerung und warte auf weiche Worte, die kommen müssen, weich und geborgen - weine ich? Ich fasse nach meinen Augen, es ist so wunderlich, bin ich ein Kind? Sanfte Haut; - nur eine Sekunde währt es, dann erkenne ich die Silhouette Katczinsys. Er sitzt ruhig, der alte Soldat, und raucht eine Pfeife, eine Deckelpfeife natürlich. Als er bemerkt, daß ich wach bin, sagt er nur: »Du bist schön zusammengefahren. Es war nur ein Zünder, er ist da ins Gebüsch gesaust.«
Ich setze mich hoch, ich fühle mich sonderbar allein. Es ist gut, daß Kat da ist. Er sieht gedankenvoll zur Front und sagt: »Ganz schönes Feuerwerk, wenn's nicht so gefährlich wäre. «
Hinter uns schlägt es ein. Ein paar Rekruten fahren erschreckt auf. Nach ein paar Minuten funkt es wieder herüber, näher als vorher. Kat klopft seine Pfeife aus. »Es gibt Zunder.«
Schon geht es los. Wir kriechen weg, so gut es in der Eile geht. Der nächste Schuß sitzt bereits zwischen uns. Ein paar Leute schreien. Am Horizont steigen grüne Raketen auf. Der Dreck fliegt hoch, Splitter surren. Man hört sie noch aufklatschen, wenn der Lärm der Einschläge längst wieder verstummt ist.
Neben uns liegt ein verängstigter Rekrut, ein Flachskopf. Er hat das Gesicht in die Hände gepreßt, sein Helm ist weggepurzelt. Ich fische ihn heran und will ihn auf seinen Schädel stülpen. Er sieht auf, stößt den Helm fort und kriecht wie ein Kind mit dem Kopf unter meinen Arm, dicht an meine Brust. Die schmalen Schultern zucken. Schultern, wie Kemmerich sie hatte.
Ich lasse ihn gewähren. Damit der Helm aber wenigstens zu etwas nutze ist, packe ich ihn auf seinen Hintern, nicht aus Blödsinn, sondern aus Überlegung, denn das ist der höchste Fleck. Wenn da zwar auch dickes Fleisch sitzt, Schüsse hinein sind doch verflucht schmerzhaft, außerdem muß man monatelang im Lazarett auf dem Bauch liegen und nachher ziemlich sicher hinken.
Ich stülpe ihn ihm wieder auf. "Na, na."
Irgendwo hat es mächtig eingehauen. Man hört Schreien zwischen den Einschlägen.
Endlich wird es ruhig. Das Feuer ist über uns hinweggefegt und liegt nun auf den letzten Reservegräben. Wir riskieren einen Blick. Rote Raketen flattern am Himmel. Wahrscheinlich kommt ein Angriff.
Bei uns bleibt es ruhig. Ich setze mich auf und rüttele den Rekruten an der Schulter. »Ist noch mal gut gegangen.«

Joachim Ringelnatz
Ein Nagel saß in einem Stück Holz

Ein Nagel saß in einem Stück Holz
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube,
und war eine Messingschraube.

Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
sowohl in der Liebe, als auch überhaubt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm.
In einem Astloch, sie wurden intim.

Kurz, eines Tages entfernte sie sich,
und ließ den armen Nagel im Stich.

Der arme Nagel bog sich vor Schmerz,
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
so bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinahe verrostet.

Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube wieder zurück.
Sie glänzte über das ganze Gesicht,
ja, alte Liebe rostet nicht.

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Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz

Ehrgeiz

Ich habe meinen Soldaten aus Blei
Als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt.
Mir selber ging alle Ehre vorbei,
Bis auf zwei Orden, die jeder besitzt.

Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre.
Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,
Daß man nach meinem Tod (grano salis)
Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales
Und krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen,
Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
Mit Schatten und schiefen Fensterluken.

Da würde ich spuken.

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Joachim Ringelnatz
Der Briefmark

Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm geweckt.

Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens.

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Joachim Ringelnatz

Zu einem Geschenk

Ich wollte dir was dedizieren,
nein, schenken, was nicht zuviel kostet.
Aber was aus Blech ist, rostet,
und die Messing-Gegenstände oxydieren.
Und was kosten soll es eben doch.
Denn aus Mühe mach ich extra noch
was hinzu, auch kleine Witze.
Wär bei dem, was ich besitze,
etwas Altertümliches dabei ---
doch was nützt Dir eine Lanzenspitze!
An dem Bierkrug sind die beiden
Löwenköpfe schon entzwei.
Und den Buddha mag ich selber leiden.
Und du sammelst keine Schmetterlinge,
die mein Freund aus China mitgebracht.
Nein - das Sofa und so große Dinge
kommen überhaupt nicht in Betracht.
Ach, ich hab die ganze letzte Nacht,
rumgegrübelt, was ich dir
geben könnte. Schlief deshalb nur eine,
allerhöchstens zwei von sieben Stunden,
und zum Schluß hab ich doch nur dies kleine,
lumpige, beschißne Ding gefunden.
Aber gern hab ich für dich gewacht.
Was ich nicht vermochte, tu du's: Drücke du
nun ein Auge zu.
Und bedenke,
daß ich dir fünf Stunden Wache schenke.
Laß mich auch in Zukunft nicht in Ruh.

Adobe PDF File Zu einem Geschenk - Joachim Ringelnatz

 

Ludwig Rubiner
Die Stadt

 Er kam vom Hügel. Ein ferner Stern zog weiß
Die Straße zur Tiefe. Die Füße sprangen schnell,
Die Augen stachen durchs gelbgeballte Haar.
Die Nacht sprang aus der Erde, blau und leis.
Der weiße Stern stand weit, die Nacht lag hell.
Die Nacht zerriss den Stern zum weißen Paar,
Die Straße wich zurück in blauem Lauf,
Die Sterne zuckten hastig höher auf.
Ein Wind zog herüber, irr von Geschrei und heiß.

Er lief schon schwankend. Glückselig sah er sacht
Die Straße rollen rötlich zum silbernen Schein
Der riesigen Türme. Deren Lampen schwangen
Spielend mit den Ufern der blitzenden Nacht
An der Straße über verblassendem Stein.
Die Füße hoben sich zum Flug und sprangen.
Die Nacht wurde klein, die Straße raschelte still.
Da schossen die Lampen zur Höhe und rissen schrill
Die Türme in den dunklen, ungeheuren Schacht.

Dunkel von Röcken und Hüten schwankt eine Wand;
Nur ihm hing nackt das gelbe Haar ums Gesicht.
Das Schattengewühl der Menge zog zur Stadt.
Da rissen die Türme die Straße breit ins Licht,
Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt
Über den Glanz der Hüte ins steinerne Land.
Geschrei der Menge lief um die steilen Flanken
Der dunklen Terrasse. Sie saßen lässig und tranken.
Da sah er zwischen den Türmen das Seil gespannt.

Ein nackter Schatten wiegte es. Er blieb stehn,
Die Menschen wichen schweigend zu den Seiten.
Er stand unterm Seil. Sie rückten die Hüte nicht.
Er sah die nackte Frau übers Seil hingleiten.
Er stand ohne Atem. Er sah hoch oben das Licht
Laufen über die hellen Schenkel und Zehn.
Zur Stadt hinter den Türmen drängte die Menge vorbei.
Ein Wind flog über die Mauer, heiß von Geschrei.
Niemand im schwarzen Gewühl hatte aufwärts gesehn.

Die Augen der Lampen zuckten über die Frau.
Das Seil schwankte kreisend, als sie schnell sprang.
Sie war ernst, hoch oben. Ein Turmlicht zischte weiß,
Sie lächelte im Sprung zur Seite, wo es sang.
Das Turmlicht drückte ihr Haar im Schattenkreis
Hell auf die Nacht. Das Licht reckte sich lau
Zum blonden Stern des Bauchs. Ein Schattengürtel band
Sich schmal um sie. Flog hinauf. Verschwand.
Sie bückte sich und hob die Arme ins Blau.

Sie sprang ernst. Sie sah ihn und lächelte leer.
Die Menschen liefen zur Stadt durch die Mäuler der Steine.
Er stand im Gewühl ohne Atem. Das Turmlicht pfiff.
Über den steilen Glanz ihrer tanzenden Beine
Rannen siedende Blasen des Lichts hin und her -
Als sie plötzlich ins blaue Luftlicht griff.
Sie schwankt schon grinsend. Zur Nacht hinauf krallen
Zwei Falten. Aber niemand bleibt stehn. Sie muss fallen!
Der helle Stern ihres Bauchs zittert so sehr.

Die Häuser taumeln. Blass steigt ein weiter Kreis
Von bleichen Mauern auf im grünlichen Schein. -
Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt
Über blaue Terrassen. Die Straßen raschelten leis.
Im Schattengewühl der Menge stand er klein.
Er lief klein und wild. Die Nacht sprang aus der Stadt.
Er lief über den Hügel. Die Nacht lag hell.
Fern stand ein weißer Stern. Die Füße sprangen schnell.
Ein Wind zog herüber, bunt von Geschrei und heiß.

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Ludwig Rubiner
Mein Haus

Um mein Haus sind Straßen, Kreise von Brunnen. Plakatsäulen.
Gemüseläden. Uhrmacher mit Schmuck. Finstere Brunnen. Plakatsäulen.
Polizisten stehn vor Theatern. Die Untergrundbahn stürzt in ihren Köcher.
Weiße Kellner mit Tassen. Zeitungsjungen laufen. Kutscher reden zu Gäulen.
Unter der Brücke fahren Dampfer durch gemalte Lampen.
Kaufleute winken vor den Türen. Die Bäckereien dampfen.
Menschen stehn um einen Überfahrenen. In geheizte Kirchen gehn Gepäckträger.
Alte verteilen Zettel. In Gerichtssälen sprechen und schweigen Kläger.
In Trompetenwagen sitzen Frauen mit Schleiern. Frauen verkaufen Kastanien an Ecken.
Menschen unter Kuppeln sehen nach Sternen. Finder rechnen auf Papier Formeln.
An den Lichtern in Zimmern sitzen Denker gekrümmt und murmeln.
In den Tanzsälen lächelt man. Einbrecher kommen aus Verstecken.
Einsame im Schatten essen schnell Brote. Geldhäuser werden geschlossen.
Menschen mit Säcken suchen Weggeworfenes. Empörer lesen Reden.
Paare sitzen an Tischen und streiten. In Hotels erschießen sich Menschen verdrossen.
Die Sonne ist auf- und untergegangen. Der Mond ist oft zu sehen.
In bewachten Krankenhäusern liegen Menschen auf niedrigen Kissen.
Hinter Türmen von Kasernen treten Soldaten mit groben Händen.
Man peitscht geschwächte Menschen festgeschnallt in den Gefängnissen.
In kalten Wohnungen sind Greise, die jungfräuliche Kinder schänden.
Es klingelt in roten Fabriken, Müde lösen siedende Pfiffe.
Über alten und neuen Dächern drehn sich gelbe Luftschiffe.
Auf grünen Fischteichen ziehen die Ruderer Netze und Schnüre.
Bettler mit Bündeln schreiten auf Lehmwegen um spitze Steine und kalte Regenlachen.
Ein Fleischer tritt vom Wagen in eine aufgeklinkte Türe.
Hunde bellen schrill auf einen Juden mit einem Pack alter Sachen.
In heißen Feldern zerren gebuckelt braune Bauern.
In breiten Wäldern schlafen Arme und Brandstifter. Es lärmt von Holzhauern.
Über weiße Meere mit Kabeln werden Auswandererschiffe auf und nieder gebogen.
In langen Ländern werden die Hungrigen ermordet. Häuser fallen grau um.
Menschen im nassen Blut unter spitzen Kanonen haben blaue Messer gegen schwere Pferde gezogen.
Zerquetschte liegen unter halben Balken. Ferne Telephonzellen sind stumm.
Eingehüllte mit alten Flinten schießen knochige Tiere auf kalten Meilen im Schneegesträuch.
Auf weiten Öden leben Verlassene in Unrat und Höhlen ohne Geräusch.
In Affenparadiesen springen nackte Schwarze durchs blaue Licht.
Golfmeere fliegen mit Flaschen und Schlamm zu Inseln und Muschelketten.
An kleinen Dächern auf wackligen Straßen besprechen alte Frauen das Mittagsgericht.
Vor geordneten Zeitungssälen erwarten steife Raucher den Ausgang der Wetten.
Die Briefträger führen dicke Taschen auf runde Treppen.
Schläfer träumen oder sind bleich. Laute Lastkutscher schleppen.
Eilige gehn über dunkle Steine. Wagen gleiten auf Straßen. Mein Haus. Aus dem Schornstein steigt Rauch.
Umher sind Sonne. Mond. Die Abendsterne auch.

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Anna Seghers

Das siebte Kreuz - Auszug I

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Das ist das Land, von dem es heisst, dass die Geschosse des letzten Krieges jeweils die Geschosse des vorletzten aus der Erde wühlen. Diese Hügel sind keine Gebirge. Jedes Kind kann Sonntags zu Kaffee und Streuselkuchen sein, Verwandten im jenseitigen Dorf besuchen und zum Abendläuten zurück sein. Doch diese Hügelkette war lange der Rand der Welt – jenseits begann die Wildnis, das unbekannte Land. Diese Hügel entlang zogen die Römer den Limes. So viele Geschlechter waren verblutet, seitdem sie die Sonnenaltäre der Kelten hier auf den Hügeln verbrannt hatten, so viele Kämpfe durchgekämpft, dass sie jetzt glauben konnten, die besitzbare Welt sei endgültig umzäunt und gerodet. Aber nicht den Adler und nicht das Kreuz hat die Stadt dort unten im Wappen behalten, sondern das keltische Sonnenrad, die Sonne, die Marnets Äpfel reift. Hier lagerten die Legionen und mit ihnen alle Götter der Welt, städtische und bäuerliche, Judengott und Christengott, Astarte und Isis, Mithras und Orpheus. Hier riss die Wildnis, da, wo jetzt Ernst aus Schmiedtheim bei den Schafen steht, ein Bein vorgestellt, einen Arm in der Hüfte, und ein Zipfelchen seines Schal steht stracks ab, als wehe beständig ein Wind. In dem Tal in seinem Rücken, in der weichen verdunsteten Sonne, sind die Völker gargekocht worden. Norden und Süden, Osten und Westen haben ineinandergebrodelt, aber das Land wurde nichts von alledem und behielt doch von allem etwas. Reiche wie farbige Blasen sind aus dem Land im Rücken des Schäfers Ernst herausgestiegen und fast sofort zerplatzt. Sie hinterliessen keinen Limes und keine Triumphbögen und keine Heerstrassen, nur ein paar zersprungene Goldbänder von den Fussknöcheln ihrer Frauen. Aber sie waren so zäh und unausrottbar wie Träume. Und so stolz steht der Schäfer da, so vollkommen gleichmütig, als wüsste er all das und stünde nur darum so da, und vielleicht, wenn er auch nichts davon weiss, steht er wirklich darum so da. Dort, wo die Chaussee in die Autobahn mündet, wurde das Frankenheer gesammelt, als man den Übergang über den Main suchte. Hier ritt der Mönch herauf zwischen Mangolds und Marnets Gehöft, hinein in vollkommene Wildnis, die von hier aus noch keiner betreten hatte, ein zarter Mann auf einem Eselchen, die Brust geschützt mit dem Panzer des Glaubens, gegürtet mit dem Schwert des Heils, und er brachte die Evangelien und die Kunst, Äpfel zu okulieren.
Ernst der Schäfer drehte sich nach dem Radfahrer um. Sein Halstuch wird ihm schon zu heiss, er reisst es ab und wirft es auf das Stoppelfeld wie ein Feldzeichen. Man könnte glauben, das sei eine Geste vor tausend Augenpaaren. Aber nur sein Hündchen Nelli sieht ihn an. Er nimmt seine unnachahmbar spöttisch-hochmütige Haltung wieder auf, aber jetzt mit dem Rücken zur Strasse, mit dem Gesicht zur Ebene, dahin, wo der Main in den Rhein fliesst. Bei der Mündung liegt Mainz. Das stellte dem Heiligen Römischen Reich die Erzkanzler. Und das flache Land zwischen Mainz und Worms, das ganze Ufer war bedeckt von den Zeltlagern der Kaiserwahlen. Jedes Jahr geschah etwas Neues in diesem Land und jedes Jahr dasselbe: dass die Äpfel reiften und der Wein bei einer sanften vernebelten Sonne und den Mühen und Sorgen der Menschen.

Denn den Wein brauchten alle für alles, die Bischöfe und Grundbesitzer, um ihren Kaiser zu wählen, die Mönche und Ritter, um ihre Orden zu gründen, die Kreuzfahrer, um Juden zu verbrennen, vierhundert auf einmal auf dem Platz in Mainz, der noch heute der Brand heisst, die geistlichen und weltlichen Kurfürsten, als das Heilige Reich zerfallen war, aber die Feste der Grossen lustig wie nie wurden, die Jakobiner, um die Freiheitsbäume zu umtanzen.

Zwanzig Jahre später stand auf der Mainzer Schiffsbrücke ein alter Soldat Posten. Wie sie an ihm vorüberzogen, die letzten der Grossen Armee, zerlumpt und düster, da fiel ihm ein, wie er hier Posten gestanden hatte als sie eingezogen waren mit den Trikoloren und mit den Menschenrechten, und er weinte laut auf. Auch dieser Posten wurde zurückgezogen. Es wurde stiller, selbst hierzuland. Auch hierher kamen die Jahre 33 und 48, dünn und bitter, zwei Fädchen geronnenes Blut. Dann kam wieder ein Reich, das man heute das Zweite nennt. Bismarck liess seine inneren Grenzpfähle ziehen, nicht um das Land herum, sondern quer durch, dass die Preussen ein Stück ins Schlepptau bekamen. Denn die Bewohner waren zwar nicht gerade rebellisch, sie waren nur allzu gleichgültig wie Leute, die allerhand erlebt haben und noch erleben werden.
War es wirklich die Schlacht von Verdun, die die Schulbuben hörten, wenn sie sich hinter Zahlbach auf die Erde legten, oder nur das fortwährende Zittern der Erde unter den Eisenbahnzügen und Märschen der Armeen? Manche von diesen Buben standen später vor den Gerichten. Manche, weil sie sich mit den Soldaten der Okkupationsarmee verbrüdert, manche, weil sie ihnen unter die Schienen Lunten gelegt hatten. Auf dem Gerichtsgebäude wehten die Fahnen der Interalliierten Kommission.
Dass man die Fahnen eingeholt hat und gegen die schwarz-rot-goldene vertauscht, die das Reich damals noch hatte, da ist noch längst keine zehn Jahre her. Selbst die Kinder haben sich neulich daran erinnert, als das hundertvierundvierzigste Infanterieregiment zum ersten Mal wieder mit klingendem Spiel über die Brücke zog. War das abends ein Feuerwerk! Ernst konnte es hier oben sehen. Brennende, johlende Stadt hinter dem Fluss! Tausende Hakenkreuzelchen, die sich im Wasser kringelten! Wie die Flämmchen darüberhexten! Als der Strom morgens hinter der Eisenbahnbrücke die Stadt zurückliess, war sein stilles bläuliches Grau doch unvermischt. Wieviele Feldzeichen hat er schon durchgespült, wieviele Fahnen. Ernst pfeift seinem Hündchen, das ihm das Halstuch zwischen den Zähnen bringt.
Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns.

Anna Seghers

Das siebte Kreuz - Auszug II

Adobe PDF File Das siebte Kreuz - Anna Seghers Auszug II

"Fritz, jetzt kriegst du ja", sagte sie, "deine Jacke wieder." "Hoffentlich", sagte der Junge. "Wenn man sie nur nicht sehr zugerichtet hat", sagte das Mädchen. "Weisst du, der Alwig, der ihn zuletzt gepackt hat, das ist ein Roher."
Gestern abend hatte man in den Dörfern von nichts anderem gesprochen als von dem Flüchtling, den man in Alwigs Hof gestellt hatte ... Als man das Lager Westhofen vor mehr als drei Jahren eröffnete, als man Baracken und Mauern baute, Stacheldrähte zog und Posten aufstellte, als dann die erste Kolonne von Häftlingen unter Gelächter und Fusstritten durchgezogen kam, woran sich damals schon Alwigs beteiligten und Alwig ähnliche Burschen, als man nachts Schreie hörte und ein Gejohle und zwei-, dreimal Schüsse, da war es allen beklommen zu Mute. Man hatte sich bekreuzigt vor solcher Nachbarschaft. Mancher, den sein Arbeitsweg weit herumführte, hatte auch bald die Sträflinge unter Bewachung auf Aussenarbeit gesehen. Mancher hatte bei sich gedacht "Arme Teufel". Aber man hatte auch bald gedacht, was sie da eigentlich buddelten. Damals war es vorgekommen, dass auch in Liebau ein junger Schiffer offen auf das Lager fluchte. Den hatten sie dann gleich geholt. Er war auf einige Wochen eingesperrt worden, damit er sehen könnte, was drinnen los sei. Als er herauskam, hatte er sonderbar ausgesehen und auf keine Frage geantwortet. Er hatte Arbeit auf einem Schleppkahn gefunden und war später, wie seine Leute erzählten, ganz in Holland geblieben, eine Geschichte, über die das Dorf damals erstaunt war. Einmal waren zwei Dutzend Häftlinge durch Liebau gebracht worden, die waren schon vor der Einlieferung so zugerichtet, dass es den Menschen graute und eine Frau im Dorf offen weinte. Aber am Abend hatte der neue junge Bürgermeister des Dorfs die Frau, die seine Tante war, zu sich bestellt und ihr klargemacht, dass sie mit ihrer Flennerei nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Söhnen, die zugleich seine Vettern waren, und ein Vetter war zugleich auch sein Schwager, für ihr Leben lang Schaden zufügte. Überhaupt hatten die jüngeren Leute im Dorf, Burschen um Mädchen, ihren Eltern genau erklären können, warum das Lager da sei und für wen, junge Leute, die immer alles besser wissen wollen – nur dass die Jungen in früheren Zeiten das Gute besser wissen wollten, jetzt aber wussten sie das Böse besser. Da man dann doch nichts gegen das Lager tun konnte, waren allerlei Aufträge auf Gemüse und Gurken gekommen und allerlei nützlicher Verkehr, wie es die Ansammlung und Verpflegung vieler Menschen mit sich bringt.
Doch als gestern früh die Sirenen heulten, als die Posten an allen Strassen aus der Erde wuchsen, als das Gerücht von der Flucht sich verbreitete, als dann mittags im nächsten Dorf ein richtiger Flüchtling gefangen wurde, da war auf einmal das Lager, an das man sich längst gewöhnt hatte, gleichsam neu aufgebaut worden, warum grad hier bei uns? Neue Mauern waren errichtet worden, neue Stacheldrähte gezogen. Jener Trupp Häftlinge, der von der nächsten Bahnstation kürzlich durch die Dorfgasse getrieben wurde, – warum, warum, warum?

Jene Frau, die ihr Neffe, der Bürgermeister, vor fast drei Jahren verwarnt hatte, weinte gestern abend offen zum zweiten Mal. War das auch nötig gewesen, dem Flüchtling, da man ihn ja schon hatte, mit dem Absatz auf die Finger zu treten, als er sich oben am Wagenrand festhielt? Alle Alwigs waren von jeher roh gewesen, nur waren sie jetzt die Tonangeber. Wie der Mensch bleich gewesen war zwischen den frischen, gesunden Bauernburschen ...
Das hatte alles der junge Helwig mitangehört. Seitdem er ein wenig nachdachte, war das Lager immer dagewesen und mit dem Lager auch alle Erklärungen, warum es da sein musste. Er kannte gar nichts anderes. Das Lager war ja aufgebaut worden, als er ein Knabe gewesen war. Nun wurde es gleichsam zum zweiten Mal aufgebaut, als er fast ein Jüngling war.
Lauter Lumpen und Narren waren da sicher nicht drin, sagten die Leute. Jener Schiffer, der damals drin war, der war ja auch kein Lump gewesen. Helwigs stille Mutter sagte: "Nein." Der junge Helwig sah sie an. Es war ihm ein wenig bang ums Herz. Warum war heut abend frei? Er hatte Lust auf gewohnte Gesellschaft, auf Lärm, Kampfspiele und Märsche. Er war herangewachsen in einem wilden Getöse aus Trompeten, Fanfaren, Heilrufen und Marschschritten. Plötzlich an diesem Abend war alles abgebrochen für zwei Minuten, Musik und Trommeln, dass man die feinen dünnen Töne hörte, die sonst unhörbar waren. Warum hatte der alte Gärtner ihn heut mittag so angesehen? Es gab auch manche, die ihn lobten. Durch seine gute, genaue Beschreibung, sagten sie, sei der Flüchtling gefunden worden.
Der kleine Helwig ging den Feldweg hinauf über eine Erdkrümmung. Er erblickte den älteren Alwig in den Rüben und rief ihn an. Alwig, schon rot und verschwitzt von der Arbeit, kam an den Weg. Was der heut schon hinter sich hat, dachte Helwig, als müsste er den Alwig verteidigen. Alwig beschrieb ihm alles, wie man eine Jagd beschreibt. Eben war er bloss ein Bauer gewesen, der früher als andere in seinen Acker geht Jetzt im Beschreiben war er der Sturmführer Alwig, ein Mann, der ein Zillich werden konnte, wenn man ihm dazu Gelegenheit gab. War doch auch Zillich mal bloss ein Alwig gewesen, ein Bauer droben bei Werthein am Main. Auch er war früh aufgestanden, auch er hatte Blut geschwitzt, wenn auch umsonst, weil sein winziger Hof damals versteigert wurde. Helwig kannte sogar den Zillich, denn er kam manchmal aus Westhofen, wenn er Urlaub hatte, setzte sich in die Wirtschaft und sprach über Dorfsachen – bei der Beschreibung der Jagd senkte Helwig die Augen. "Deine Jacke", sagte Alwig zum Schluss, "was weiss ich? Nein, das muss ein andrer Flüchtling gewesen sein, den musst du dir selber fangen, Fritz. Mein Kerl jedenfalls hat keine angehabt." Helwig zuckte die Achseln; eher erleichtert als enttäuscht, stampfte er gegen die Schule los, deren Fassade, ockerfarbig gestrichen, über die Felder weg leuchtete.

Anna Seghers

Das siebte Kreuz - Auszug III

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Georg auf der Plattform der Drei dachte: Wäre es nicht besser gewesen zuFuss? Um den äusseren Stadtrand herum? War er nicht mehr aufgefallen so – Du sollst nicht grübeln um das, was Du nicht getan hast, riet ihm Wallau – unnützer Kraftverbrauch. Du sollst nicht plötzlich abspringen, bald dies, bald das versuchen. Stell Dich ruhig und sicher.
Was nützen denn Ratschläge, die Dir ja selbst nichts genützt haben? Er hatte Wallaus Stimme verloren. Jede Minute hatte er sich ihren Klang zurückrufen können, plötzlich war er fort. Und der Lärm einer ganzen Stadt konnte nicht das übertönen, was verstummt war. Die Elektrische war jetzt in einer Schleife stadtauswärts gefahren. Plötzlich erschien es ihm unglaubwürdig, dass er hier durchfuhr und lebendig am hellen Tag. Es war gegen alle Wahrscheinlichkeit, gegen alle Berechnung. Entweder war er gar nicht er selbst oder – Er spürte auf den Schläfen die Zugluft eisig und schneidend, als sei die Drei in eine andere Zone eingefahren. Er war sicher längst beobachtet. Warum sollte gerade er, gerade Füllgrabe treffen? Wahrscheinlich hatten sie Füllgrabe schon an der Leine geführt. Füllgrabes Blick, seine Bewegungen, sein angebliches Vorhaben – so beträgt sich nur ein Verrückter oder ein Mann, der an der Leine geführt wird. Warum hat man mich da nicht gleich gepackt? Sehr einfach – weil man warten will, wohin ich gehe. Man will sehen, wer mich aufnimmt.
Da fing er auch schon an zu suchen, wer der Verfolger sein müsste. Der Mann mit Bärtchen und Brille, der wie ein Lehrer aussah? – Der Bursche im blauen Monteurkittel? – Der Alte, der ein ganzes Bäumchen, sorgfältig verpackt, vielleicht in sein Gärtchen hinausfuhr?
In den letzten Sekunden hatte sich aus dem Lärm der Stadt eine Marschmusik abgesondert. – Sie kam rasch näher und wurde stärker, wobei sie allen Geräuschen und allen Bewegungen ihren scharfen Takt aufzwang. Die Fenster öffneten sich, aus den Toren liefen Kinder, auf einmal war die Strasse von Menschen gesäumt – der Fahrer bremste.
Das Pflaster zitterte schon. Man hörte schon jubeln vom Ende der Strasse her. Seit ein paar Wochen war das 66er Infanterieregiment in den neuen Kasernen stationiert. Wenn es durch ein Stück Stadt marschierte, dann war das immer ein frischer Empfang. Da kommen sie endlich: Trompeter und Trommler, der Tambour wirft seinen Stab, das Pferdchen tänzelt. Da sind sie! Endlich – die Menschen reissen die Arme hoch. Der Alte schwingt seinen Arm und stützt mit dem Knie sein Bäumchen. Seine Brauen zucken im Takt des Marsches. Seine Augen glänzen. Hat er seinen Sohn dazwischen? Das ist der Marsch, der die Menschen aufwühlt, dass es ihnen den Rücken herunter läuft, dass ihre Augen leuchten. Was für ein Zauber ist das, zu gleichen Teilen gemischt aus uralter Erinnerung und vollkommenem Vergessen? Man könnte glauben, der letzte Krieg, in den dieses Volk geführt wurde, sei das glücklichste Unternehmen gewesen und hätte nur Freude gebracht und Wohlstand. Frauen und Mädchen lächeln, als hätten sie unverwundbare Söhne und Liebste.
Wie die Jungen den Schritt schon gelernt haben in den paar Wochen – Mütter, die ängstlich und mit Recht bei jedem Pfennig, wofür? fragen, werden, solange man diesen Marsch aufspielt, die Söhne hergeben und Stücke ihrer Söhne. Wofür?

Wofür? Das werden sie sachte fragen, wenn die Musik verhallt ist. Dann wird der Fahrer wieder ankurbeln, der Alte wird merken, dass an seinem Baum ein Zweiglein geknickt ist, er wird knurren. Der Spitzel, wenn wirklich einer dabei war, wird zusammenfahren.
Denn Georg ist von der Plattform herunter. Er ist nach Bockenheim zu Fuss hinein. Paul wohnte Brunnengasse zwölf. Das hatten weder Schläge noch Tritte aus seinem Kopf geschüttelt – nicht 'mal den Namen seiner Frau: LieseI, geborene Enders.
In den letzten Minuten war er sehr schnell und sicher, ohne sich umzusehen, losgegangen. Er blieb in einer Gasse stehen, die auf die Brunnenstrasse mündete, vor einem Schaufenster, um sich auszuschnaufen. Wie er sich da im Spiegel erblickte hinter der Auslage, musste er sich an der Querstange festhalten. – Wie er weiss im Gesicht war, der Mann, der mit einer Hand nach der Querstange griff – dieser gelbliche fremde Mantel, der ihn schleppte – ihn und seinen Kopf mit dem steifen Hut!
Darf ich denn zu Röders hinaufgehen? – fragte er sich. Was berechtigt mich denn zu glauben, dass ich den Schatten los bin, falls ich beschattet war. Und der Paul Röder – warum soll denn gerade er, alles gerade für mich riskieren? Wieso war ich denn vorhin auf der Bank?

Anna Seghers

Das siebte Kreuz - Auszug IV

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Wenn ich Bellonis Mantel nicht hätte! dachte Georg, der mit gesenktem Kopf den Schienen nachging. Sein Gesicht strich ein harter Regen. Endlich traten die Häuser zurück. Der Regen hing in Strängen vor der Stadt auf dem anderen Ufer. Sie schien bar aller Wirklichkeit vor dem unermesslichen trüben Himmel. Eine von jenen Städten, die man im Schlaf erfindet, für die Dauer eines Traumes, und selbst solange wird sie nicht halten. Aber sie hatte schon zweitausend Jahre ausgehalten.
Georg kam auf den Kasteller Brückenkopf. Der Posten rief ihn an. Georg zeigte seinen Pass. Als er schon auf der Brücke war, wurde ihm klar, dass sein Herz nicht schneller geklopft hatte. Er hätte noch zehn Brückenköpfe ruhig passieren können. Man kann sich also auch daran gewöhnen. Er fühlte sein Herz jetzt gefeit gegen Furcht und Gefahren, aber vielleicht auch gegen das Glück. Er ging etwas langsamer, um keine Minute zu früh anzukommen. Wie er auf's Wasser herunter sah, erblickte er den Schleppkahn, die Wilhelmine, mit ihrem grünen Ladestreifen, der sich im Wasser spiegelte, ganz nahe beim Brückenkopf, aber leider nicht gleich am Ufer, sondern neben einem anderen Kahn. Georg sorgte sich weniger um den Posten am Mainzer Brückenkopf als darum, wie man über das fremde Schiff weggelangen sollte. Er sorgte sich umsonst. Er war noch nicht zwanzig Schritte entfernt von der Anlegestelle, da tauchte am Bord der Wilhelmine der Kugelkopf eines kleinen, fast halslosen Mannes auf, ein rundes Gesicht, das ihn offensichtlich erwartete, ein etwas fettes Gesicht mit runden Nasenlöchern, mit vergrabenen Äuglein, ein Gesicht, hinter dem man garnichts Gutes vermutete, eben darum für diese Zeit das rechte Gesicht für einen aufrechten Mann, der allerlei riskierte.

Montag abend sind dann die sieben Bäume in Westhofen abgeschlagen worden. Dort war alles sehr schnell gegangen. Der neue Kommandant war im Amt, ehe man den Wechsel erfahren hatte. Er war wohl der richtige Mann, um ein Lager in Ordnung zu bringen, in dem sich solche Sachen ereignet hatten. Er brüllte nicht, sondern sprach mit gewöhnlicher Stimme. Aber er liess uns nicht im Zweifel, dass man uns alle bei dem geringsten Zwischenfall zusammenknallen würde. Die Kreuze hat er gleich abschlagen lassen, denn sie waren sein Stil nicht. Fahrenberg soll schon am Montag nach Mainz gefahren sein. Er soll sich im Fürstenberger Hof einquartiert haben. Er soll sich dann eine Kugel in den Kopf geschossen haben. Das ist nur ein Gerücht. Es passt auch nicht recht zu Fahrenberg. Vielleicht hat sich in jener Nacht im Fürstenberger Hof ein anderer eine Kugel in den Kopf geschossen, wegen Schulden oder wegen Liebeskummer. Vielleicht ist Fahrenberg die Treppe heraufgefallen und hat noch mehr Macht bekommen.
Das alles wussten wir damals noch nicht. Später waren so viele Dinge passiert, dass man nichts mehr genau erfahren konnte. Wir hatten zwar geglaubt, mehr könnte man nicht erleben, als wir erlebt hatten. Draussen stellte es sich heraus, wie viel es noch zu erleben gab.
Doch an dem Abend, als man zum ersten Mal die Häftlingsbaracke einheizte und das Kleinholz verbrannt war, das wie wir glaubten, von den sieben Bäumen kam, fühlten wir uns dem Leben näher als jemals später und auch viel näher als alle anderen, die sich lebendig vorkommen.
Der SA-Posten hatte schon aufgehört, sich über den Regen zu wundern. Er drehte sich plötzlich um, um uns bei etwas Verbotenem zu überraschen. Er brüllte los und verteilte gleich ein paar Strafen. Wir lagen zehn Minuten später auf unseren Pritschen. Das letzte Fünkchen im Ofen verglühte Wir ahnten, was für Nächte uns jetzt bevorstanden. Die nasse Herbstkälte drang durch die Decken, durch unsere Hemden, durch die Haut. Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äusseren Mächte in den Menschen hineingreifen können bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, das es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.

An das Publikum

Kurt Tucholsky

O hochverehrtes Publikum,

sag mal: bist du wirklich so dumm,

wie uns das an allen Tagen

alle Unternehmer sagen ?

Jeder Direktor mit dickem Popo

spricht: „Das Publikum will es so!“

Jeder Fin ?

Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“

Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:

„Gute Bücher gehn eben nicht!“

     Sag mal, verehrtes Publikum:

     bist du wirklich so dumm ?

 

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,

immer weniger zu lesen steht ?

Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;

aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;

aus lauter Besorgnnis, Müller und Cohn

könnten mit Abbestellung drohn ?

Aus Bangigkeit, es käme am Ende

einer der zahllosen Interessenverbände

und protestierte und denunzierte

und demonstrierte und prozessierte...

     Sag mal, verehrtes Publikum:

     bist du wirklich so dumm ?

 

Ja dann...

        Es lastet auf dieser Zeit

der Fluch der Mittelmäßigkeit.

Hast du so einen schwachen Magen ?

Kannst du keine Wahrheit vertragen ?

Bist also nur ein Grießbrei-Fresser - ?

Ja dann...

     Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Adobe PDF File An das Publikum - Kurt Tucholsky


Kurt Tucholsky

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Danach

Kurt Tucholsky

Es wird nach einem happy end

im Film jewöhnlich abjeblendt.

Man sieht bloß noch in ihre Lippen

den Helden seinen Schnurrbart stippen -

da hat sie nun den Schentelmen.

                        Na, un denn - ?

 

Denn jehn die beeden brav ins Bett.

Na ja ... diß is ja auch janz nett.

A manchmal möcht man doch jern wissn:

Wat tun se, wenn se sich nich kissn ?

Die könn ja doch nich imma penn ... !

                        Na, un denn - ?

 

Denn säuselt im Kamin der Wind.

Denn kricht det junge Paar ’n Kind.

Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.

Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.

Denn wolln sich beede jänzlich trenn ...

                        Na, un denn - ?

 

Denn is det Kind nich uffn Damm.

Denn bleihm die beeden doch zesamm.

Denn quäln se sich noch manche Jahre.

Er will noch wat mit blonde Haare:

vorn doof und hinten minorenn ...

                        Na, un denn - ?

Denn sind se alt.

Der Sohn haut ab.

Der Olle macht nu ooch bald schlapp.

Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit -

Ach, Menschenskind, wie liecht det weit !

Wie der noch scharf uff Muttern war,

det is schon beinah nich mehr wahr !

Der olle Mann denkt so zurück:

wat hat er nu von seinem Jlück ?

Die Ehe war zum jrößten Teile

vabrühte Milch un Langeweile.

Und darum wird beim happy end

im Film jewöhnlich abjeblendt.

Adobe PDF File Danach - Kurt Tucholsky


Kurt Tucholsky

Der Graben

Kurt Tucholsky

Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen,
Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

 

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm,
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben
Für den Graben, Junge, für den Graben.

 

Drüben die französischen Genossen

lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.

Alle haben sie ihr Blut vergossen,

und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.

Alte Leute, Männer mancher Knabe

in dem einen großen Massengrabe.

 

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!

Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!

In die Gräben schickten euch die Junker,

Staatswahn und der Fabrikantenneid.

Ihr wart gut genug zum Fraß für die Raben,

Für das Grab, Kamraden, für den Graben!

 

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen

spielen auf zu euerm Todestanz.

Seid Ihr hin: ein Kranz von Immortellen-
das ist dann der Dank des Vaterlands!

 

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne!
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt Ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben-!

aus „Unser Militär!“ Büchergilde Gutenberg

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Kurt Tucholsky

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Olle Kamellen
Kurt Tucholsky

Vor der Front ein junger Bengel.
Moniert die Fehler, die Schlappheit, die Mängel.
Im Gliede lauter alte Leute.
Schlechter Laune der Leutnant heute...
"Das kann ich der Kompanie erklären:
Ich werde euch Kerls das Strammstehn schon lehren!
Nehmen sie die Knochen zusammen, Sie Schwein!"
Und das soll alles vergessen sein?

Drin im Kasino ist großer Trubel.
Gläserklingen. Hurragejubel.
Sieben Gänge, dreierlei Weine.
Der Posten draußen hat kalte Beine.
Er denkt an Muttern, an zu Haus;
die Kinder, schreibt sie, sehn elend aus.
Drin sind sie lustig und krähen und schrein -
Und das soll alles vergessen sein?

Und das sei alles vergeben, vergessen?
Die Tritte nach unten?
Der Diebstahl am Essen? Bei Gott!
Das sind keine alten Kamellen!
Es wimmelt noch heute von solchen Gesellen!
Eingedrillter Kadaverrespekt -
wie tief der noch in den Köpfen steckt!
Er riß uns in jenen Krieg hinein -
Und das soll alles vergessen sein?

Nicht vergessen. Wir wollen das ändern.
Ein freies Land unter freien Ländern sei Deutschland -
mit freuen Bewohnern drin, ohne den knechtischen Dienersinn.
Wir wollen nicht Rache an Offizieren.
Wir wollen den deutschen Sinn reformieren.
Sei ein freier Deutscher - Bruder, schlag ein!
Und dann soll alles vergessen sein!

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Kurt Tucholsky

Heinrich Vogeler
Leise lockend

Leise lockend
Gleitet schmeichelnd,
Still die unendliche Fluth;
Spielt mit dem höhnisch sich
Spiegelnden, winkenden
Leben der Stadt in verlöschender Gluth.

Langsam gleitet ein Kahn.
Er hält nicht an;
Gleitet hinab in die Ferne,
Dort wo die Sterne
Küssen die Fluth.

Stumm in dem schwarzen gleitenden Boot
Steht mir Frieden verheissend der Tod.

Bang vor dem Leben,
Das mir gegeben,
Schrei ich dir zu:
Gieb mir die Ruh'!
Ende die Not!
Nimm mich, Tod!

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Heinrich Vogeler
Von dem Berge

 

Von dem Berge, durch die niedern Föhren
Stieg ich langsam, Abenddämmerschein
Grauer Winter war's, Hoch über Nebelwogen,
Die von unten aus dem Thal herzogen,
Tönte rauh der Wildgans grelles Schrein.

Hinter winterkahlen Lindenhecken
Lag, als wollten sie es schützend decken,
Still das weisse, rotbedachte Haus.
Träumend staunen in den alten Garten, –
Wollen sie ein Wunder stumm erwarten? –
Fenster, heimlich blinkende, hinaus.

Müde flüchtend aus den lauten Wogen
Hat es sehnend heimwärts mich gezogen.
Und das Leben, das ich gerne liess,
Tausch ich nun mit trautem Paradies.

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Die Hunde

Frank Wedekind

 

Elegie

Es waren einmal zwei Hunde,
Wie war das Herz ihnen schwer!
Sie liefen wohl eine Stunde
Hintereinander her.

Sie hofften, in liebendem Bunde
Werd ihnen leicht und frei,
Und waren doch nur zwei Hunde,
Und keine Hündin dabei.

Das ist die soziale Misere,
Die Sphinx in der Hundewelt,
Daß man vom Hundeverkehre
Die Hündinnen ferne hält.

Die Hündinnen werden ja häufig
Gleich nach der Geburt ersäuft,
Und wird eine Hündin läufig,
Verhindert man, daß sie läuft.

Man läßt sie aus ihrem Kerker
Tag und Nacht nicht heraus;
Knurrend liegt Bella im Erker
Zu Füßen der Tochter vom Haus.

Lisettchen starrt in die Zeilen
Und zittert wohl mit den Knien,
Zuckt mit den Lippen bisweilen,
Und beide denken an ihn.

Wallt man im Familienvereine
Sonntags vors Tor hinaus,
Bella geht an der Leine
Zugleich mit der Tochter vom Haus.

Hier rücken heran die Studenten,
Dort naht sich Nero galant;
Wie wird von beiden Enden
Die arme Leine gespannt!

In einem Rudel Hunde
Kam schließlich man überein,
Es möge nun in der Runde
Jeder mal Hündin sein.

Das Auge, angstvoll, trübe,
Schweift ferne zum Horizont,
Als spräch′s: Und das hat der Liebe
Himmlische Macht gekonnt.

Der kleine Fritz ging vorüber
Und sagte: "Lieber Papa,
Sage mir doch, du Lieber,
Was machen die Hunde da?"

Papa entgegnet: "Das nennt man,
Darf dir nicht sagen wie;
An diesen Greueln erkennt man
Das lausige Hundevieh."

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Die Schriftstellerhymne
Frank Wedekind

 

Der Schriftsteller geht dem Broterwerb nach,
Mit ausgefransten Hosen.
Er schläft sieben Treppen hoch unterm Dach,
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner,
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Ist irgendwer gegen sein Schicksal erbost,
Mit ausgefransten Hosen,
Der Schriftsteller bringt auch dem Ärmsten noch Trost,
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner,
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Der König spricht nach, was ein Schriftsteller schrieb,
Mit ausgefransten Hosen.
Dem Volk ist er fast wie sein König so lieb,
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner,
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Der Schriftsteller ragt zu den Sternen empor,
Mit ausgefransten Hosen.
Er raunt seiner Zeit ihre Wonnen ins Ohr,
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner,
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Der Schriftsteller schafft am Webstuhl der Zeit,
Mit ausgefransten Hosen.
So wirkt er der Gottheit lebendiges Kleid,
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner,
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt,
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

Und trägt er die Schriftstellerei zu Grab,
Mit ausgefransten Hosen,
Gleich lösen ihn hundert Schriftsteller ab,
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner,
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt,
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.

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Idyll
Frank Wedekind

 

Zum Kellner sprach die Kellnerin:
Mir wird so sonderbar zu Sinn,
Ich finde mich ganz verändert.
Wie bin ich Ärmste doch bisher
Empfindungsbar, gedankenleer
Durchs Gastlokal geschlendert!

Nun möcht′ ich jauchzen und möchte schrein,
Möcht′ leise wimmern und selig sein
Und sehne mich fort ins Weite;
Ich sehne mich tief in die Einsamkeit,
Und trotzdem wird mir so weich, so weit
So wohlig an deiner Seite.

O Kellnerknabe, sag an, sag an,
Was hast du Böser mir angetan?
Mein Friede liegt in Scherben.
Mir ahnt ein Glück, ich ermess′ es nicht,
Ich fluche sein, ich vergess′ es nicht,
Ich möchte am liebsten sterben.

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Tingel-Tangel
Frank Wedekind

 

Tingel-Tangel
Frank Wedekind

Trauert nicht, ihr Völkerscharen,
Ob der schweren Zeit der Not.
Packt das Leben bei den Haaren.
Morgen ist schon mancher tot.

Küssen, um geküßt zu werden,
Lieben, um geliebt zu sein,
Gibt′s ein schöner Los auf Erden
Für ein artig Mägdelein?

Ja, die Liebe ist mein Credo,
Meines Lebens Inbegriff,
Und so werd′ ich zum Torpedo,
Ach, für manches Panzerschiff,

Ach, mir ist zumut, als stünde
Mir geschrieben im Gesicht:
Eine grauenvollre Sünde
Als die Tugend gibt es nicht!

Fürchte nichts, mein süßer Schlingel;
In der schweren Not der Zeit
Freut der Mensch sich nur im Tingel-
Tangel seiner Menschlichkeit.

Bei dem allgemeinen Mangel
Idealer Seelenglut
Trefft ihr nur im Tingel-Tangel,
Was das Herz erheben tut.

Saht ihr einen süßren Engel
Je zu eurem Zeitvertreib,
Als ein hübsches Tangel-Tengel-Tingel-
Tongel-Tungel- Weib?

Tuben schmettern, Pauken dröhnen,
Schrille Pfeifen gellen drein,
Spenden dem Gesang der Schönen
Ihre Jubel-Melodein.

Wie die Sturmflut unermüdlich,
Tönt des Konterbaß Gebrumm;
Und die Schöne lächelt friedlich
Nieder auf das Publikum.

Ach, da werden wider Willen
Aller Augen patschenaß,
Kneifer türmen sich auf Brillen,
Und davor das Opernglas.

Trommelwirbel und Geklingel!
Lauter dröhnt der Pauken Ton;
Und im Taumel tanzt die Tingel-
Tangel-Tänzerin davon.

Und nun schwillt das dumpfe Gröhlen
Zum Radau bei alt und jung,
Und aus tausend Männerkehlen
Wälzt sich die Begeisterung.

Doch das Mädchen ist entschwunden,
Hat sich auch vielleicht derweil
Schon mit Schnüren losgebunden
Ihrer Reize größten Teil.

Lang noch hallen tiefgestöhnte
Liebesklagen ringsumher;
Doch umsonst, das heißersehnte
Mädchen kokettiert nicht mehr.

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Heinrich Vogeler
Wir sassen still

Wir sassen still in Deiner kleinen Kammer;
Tief bücktest Du Dich auf die Arbeit nieder
Und tiefer sank Dein Kopf Dir auf das Mieder.
– Wer kennt den hoffnungslosen Jammer
Wenn Menschen, die sich ewig lieb,
Der Kampf des Lebens auseinander trieb.

Noch fühle ich Dein warm pulsirend Leben;
Noch fühl ich Deinen zarten Körper beben
In meinen Armen, die zum letzten Mal
Dich fest umschlossen in der Trennungsqual.
Ich eilte fort; und langsam schwand
Das Häuschen in der dichten Nebelwand.

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Erich Weinert
Ferientag eines Unpolitischen

Der Postbeamte Emil Pelle
Hat eine Laubenlandparzelle,
Wo er nach Feierabend gräbt
Und auch die Urlaubszeit verlebt.

 

Ein Sommerläubchen mit Tapete,
Ein Stallgebäude, Blumenbeete.
Hübsch eingefaßt mit frischem Kies,
Sind Pelles Sommerparadies.

 

Zwar ist das Paradies recht enge
Mit fünfzehn Meter Seitenlänge;
Doch pflanzt er seinen Blumenpott
So würdig wie der liebe Gott.

 

Im Hintergrund der lausch'gen Laube
Kampieren Huhn, Kanin und Taube
Und liefern hochprozent'gen Mist,
Der für die Beete nutzbar ist.

 

Frühmorgens schweift er durchs Gelände
Und füttert seine Viehbestände.
Dann polkt er am Gemüsebeet,
Wo er Diverses ausgesät.

 

Dann hält er auf dem Klappgestühle
Sein Mittagsschläfchen in der Kühle.
Und nachmittags, so gegen drei,
Kommt die Kaninchenzüchterei.

 

Auf einem Bänkchen unter Eichen,
Die noch nicht ganz darüber reichen,
sitzt er, bis daß die Sonne sinkt,
Wobei er seinen Kaffee trinkt.

 

Und friedlich in der Abendröte
Beplätschert er die Blumenbeete
Und macht die Hühnerklappe zu.
Dann kommt die Feierabendruh.

 

Er denkt: Was kann mich noch gefährden!
Hier ist mein Himmel auf der Erden!
Ach, so ein Abend mit Musik,
Da braucht man keine Politik!

Die wirkt nur störend in den Ferien,
Wozu sind denn die Ministerien?
Die sind doch dafür angestellt,
Und noch dazu für unser Geld.

 

Ein jeder hat sein Glück zu zimmern.
Was soll ich mich um andre kümmern?
Und friedlich wie ein Patriarch
Beginnt Herr Pelle seinen Schnarch.

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An den Leser

Franz Werfel

Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein!

Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,

Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß

im Abendschein,

Bist Du Soldat oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.

 

Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?

Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.

Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,

Sei nicht hart und löse Dich mit mir in Tränen auf!

 

Denn ich habe aIle Schicksale durchgemacht: Ich weiß

Das Gefühl von einsamen Harfenstimmen in Kurkapellen,

Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,

Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.

 

Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,

Saß gebeugt über Kassabüchern und bediente ungeduldige Gäste.

Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,

Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.

 

So gehöre ich Dir und Allen.

Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!

Oh könnte es einmal geschehn,

Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!

 

aus „verboten und verbrannt“, Kindler- Verlag

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Franz Werfel

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Ich habe eine gute Tat getan

Franz Werfel

Herz frohlocke!
Eine gute Tat habe ich getan.
Nun bin ich nicht mehr einsam.
Ein Mensch lebt,
Es lebt ein Mensch,
Dem die Augen sich feuchten,
Denkt er an mich.
Herz, frohlocke:
Es lebt ein Mensch!
Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
Denn ich habe eine gute Tat getan,
Frohlocke, Herz!

Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.

Tausend gute Taten will ich tun!
Ich fühle schon,
Wie mich alles liebt,
Weil ich alles liebe!
Hinström ich voll Erkenntniswonne!
Du mein letztes, süßestes,
Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
Wohlwollen! Tausend gute Taten will ich tun.
Schönste Befriedigung
Wird mir zu teil:
Dankbarkeit!

Dankbarkeit der Welt.
Stille Gegenstände,
Werfen sich mir in die Arme.
Stille Gegenstände,
Die ich in einer erfüllten Stunde
Wie brave Tiere streichelte.

Mein Schreibtisch knarrt,
Ich weiß, er will mich umarmen.
Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
Geheimnisvoll und ungeschickt
Klingen alle Saiten zusammen.
Das Buch, das ich lese,
Blättert von selbst sich auf.

Ich habe eine gute Tat getan!

Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
Da werden mich die Bäume
Und Schlingpflanzen verfolgen,
Die Kräuter und Blumen
Holen mich ein,
Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
Zärtliche Zweige
binden mich fest,
Blätter überrieseln mich,
Sanft wie ein dünner,
Schütterer Wassersturz.

Viele Hände greifen nach mir,
Viele grüne Hände,
Ganz umnistet
Von Liebe und Lieblichkeit
Steh ich gefangen.

Ich habe eine gute Tat getan,
Voll Freude und Wohlwollens bin ich
Und nicht mehr einsam,
Nein, nicht mehr einsam.
Frohlocke, mein Herz!

Adobe PDF File Ich habe eine gute Tat getan - Franz Werfel

 

Die Texte stammen aus unterschiedlichen Quellen, soweit bekannt sind sie auf der jeweiligen pdf-Datei angegeben. Sollte damit ein Copyright verletzt werden, entschuldigen wir uns im Voraus. Bitte mailen Sie an . Der Text wird dann sofort entfernt.

 

 

 

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