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Texte zur Auswahl |
"Feuersprüche" |
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An die Nachgeborenen
Bertold Brecht |
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I
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?
Es ist wahr: ich verdiene
noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)
Man sagt mir: iß und trink
du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.
Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
II
In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Mein Essen aß ich zwischen
den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Die Kräfte waren gering. Das
Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
III
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Gingen wir doch, öfter als
die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber,
wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht. |
An die Nachgeborenen - Bertold
Brecht.pdf |
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An meine Landsleute
Bertold Brecht
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Ihr, die ihr überlebtet in
gestorbenen Städten
Habt doch nun endlich mit
euch selbst Erbarmen!
Zieht nun in neue Kriege
nicht, ihr Armen
Als ob die alten nicht
gelanget hätten:
Ich bitt euch, habet mit
euch selbst Erbarmen!
Ihr Männer, greift zur
Kelle, nicht zum Messer!
Ihr säßet unter Dächern
schließlich jetzt
Hättet ihr auf das Messer
nicht gesetzt
Und unter Dächern sitzt es
sich doch besser.
Ich bitt euch, greift zur
Kelle, nicht zum Messer!
Ihr Kinder, daß sie euch mit
Krieg verschonen
Müßt ihr um Einsicht eure
Eltern bitten.
Sagt laut, ihr wollt nicht
in Ruinen wohnen
Und nicht das leiden, was
sie selber litten:
Ihr Kinder, dass sie euch
mit Krieg verschonen!
Ihr Mütter, da es euch
anheimgegeben
Den Krieg zu dulden oder
nicht zu dulden
Ich bitt euch, lasset eure
Kinder leben!
Daß sie euch die Geburt und
nicht den Tod dann schulden
Ihr Mütter, lasset eure
Kinder leben!
aus „Bertold
Brecht, Gedichte“ |
An meine Landsleute -
Bertold Brecht.pdf |
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Denn das Wahre ist ernst
Hermann Broch |
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Denn das Wahre ist ernst;
traue der Heiterkeit nicht.
Es verblassen des Abends die Farben der Landschaft, auch die
heitersten,
und sie zeigt ihre ernsten Linien,
wenn der dunkelnde Ölbaum gegen des Himmels Dämmergrau steht
eingehüllt in Unbeweglichkeit.
Oh das Gewesene, das sich abends herabsenkt
als Ahnung des Immerseienden.
Dann wird der Stein zum Kristall, das Tagewerk aber ruht im
Ernste zum wahren Bleiben. |
Denn das Wahre ist ernst
- Hermann Broch.pdf |
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DIE GESCHICHTE VOM
FRANZ BIBERKOPF
Alfred Döblin |
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Von einem einfachen MANN wird hier erzählt,
der in BERLIN am ALEXANDERPLATZ als Strassenhändler steht.
Der MANN hat vor anständig zu sein, da stellt ihm das Leben
hinterlistig ein Bein.
Er wird betrogen, er wird in Verbrechen reingezogen,
zuletzt wird ihm seine BRAUT genommen und auf rohe Weise umgebracht.
Ganz aus ist es mit dem MANN FRANZ BIBERKOPF.
Am Schluss aber erhält er eine sehr klare Belehrung:
MAN FÄNGT NICHT SEIN LEBEN MIT GUTEN WORTEN
UND VORSÄTZEN AN,
MIT ERKENNEN UND VERSTEHEN FÄNGT MAN ES AN
UND MIT DEM RICHTIGEN NEBENMANN.
Ramponiert steht er zuletzt wieder am ALEXANDERPLATZ,
das Leben hat ihn mächtig angefasst. |
DIE GESCHICHTE VOM FRANZ BIBERKOPF -
Alfred Döblin |
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Bedrohung
Albert Einstein |
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Die Welt wird nicht bedroht
von den Menschen,
die böse sind,
sondern von denen,
die das Böse zulassen.
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Bedrohung - Albert Einstein |
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Vorurteil
Albert Einstein |
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Welch triste Epoche,
in der es leichter ist,
ein Atom zu zertrümmern
als ein Vorurteil. |
Vorurteil - Albert Einstein |
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Das neue israelitische
Hospital zu Hamburg
Heinrich Heine
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Ein Hospital für arme, kranke
Juden,
Für Menschenkinder, welche dreifach elend,
Behaftet mit den bösen drei Gebresten,
Mit Armut, Körperschmerz und Judentume!
Das schlimmste von den dreien
ist das letzte,
Das tausendjährige Familienübel,
Die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage,
Der altägyptisch ungesunde Glauben.
Unheilbar tiefes Leid!
Dagegen helfen
Nicht Dampfbad, Dusche, nicht die Apparate
Der Chirurgie, noch all die Arzeneien,
Die dieses Haus den siechen Gästen bietet.
Wird einst die Zeit, die
ew'ge Göttin, tilgen
Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater
Herunter auf den Sohn - wird einst der Enkel
Genesen und vernünftig sein und glücklich?
Ich weiß es nicht! Doch
mittlerweile wollen
Wir preisen jenes Herz, das klug und liebreich
Zu lindern suchte, was der Lindrung fähig,
Zeitlichen Balsam träufelnd in die Wunden.
Der teure Mann! Er baute hier
ein Obdach
Für Leiden, welche heilbar durch die Künste
Des Arztes (oder auch des Todes!), sorgte
Für Polster, Labetrank, Wartung und Pflege –
Ein Mann der Tat, tat er, was
eben tunlich;
Für gute Werke gab er hin den Taglohn
Am Abend seines Lebens, menschenfreundlich,
Durch Wohltun sich erholend von der Arbeit.
Er gab mit reicher Hand -
doch reichre Spende
Entrollte manchmal seinem Aug', die Träne,
Die kostbar schöne Träne, die er weinte
Ob der unheilbar großen Brüderkrankheit.
aus „Heinrich
Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“ |
Das neue israelitische
Hospital zu Hamburg - Heinrich Heine.pdf |
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Der Tambourmajor
Heinrich Heine
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Das ist der alte
Tambourmajor,
Wie ist er jetzt herunter!
Zur Kaiserzeit stand er in Flor,
Da war er glücklich und munter.
Er balancierte den großen
Stock,
Mit lachendem Gesichte;
Die silbernen Tressen auf seinem Rock,
Die glänzten im Sonnenlichte.
Wenn er mit
Trommelwirbelschall
Einzog in Städten und Städtchen,
Da schlug das Herz im Widerhall
Den Weibern und den Mädchen.
Er kam und sah und siegte
leicht
Wohl über alle Schönen;
Sein schwarzer Schnurrbart wurde feucht
Von deutschen Frauentränen.
Wir mußten es dulden! In
jedem Land,
Wo die fremden Eroberer kamen,
Der Kaiser die Herren überwand,
Der Tambourmajor die Damen.
Wir haben lange getragen das
Leid,
Geduldig wie deutsche Eichen,
Bis endlich die hohe Obrigkeit
Uns gab das Befreiungszeichen.
Wie in der Kampfbahn der
Auerochs
Erhuben wir unsere Hörner,
Entledigten uns des fränkischen Jochs
Und sangen die Lieder von Körner.
Entsetzliche Verse! sie
klangen ins Ohr
Gar schauderhaft den Tyrannen!
Der Kaiser und der Tambourmajor,
Sie flohen erschrocken von dannen.
Sie ernteten beide den
Sündenlohn
Und nahmen ein schlechtes Ende.
Es fiel der Kaiser Napoleon
Den Briten in die Hände.
Wohl auf der Insel Sankt
Helena,
Sie marterten ihn gar schändlich;
Am Magenkrebse starb er da
Nach langen Leiden endlich.
Der Tambourmajor, er ward
entsetzt
Gleichfalls von seiner Stelle.
Um nicht zu verhungern, dient er jetzt
Als Hausknecht in unserm Hotele.
Er heizt den Ofen, er fegt
den Topf,
Muß Holz und Wasser schleppen.
Mit seinem wackelnd greisen Kopf
Keucht er herauf die Treppen.
Wenn mich der Fritz besucht,
so kann
Er nicht den Spaß sich versagen,
Den drollig schlotternd langen Mann
Zu nergeln und zu plagen.
»Laß ab mit Spöttelei'n, o
Fritz!
Es ziemt Germanias Söhnen
Wohl nimmermehr, mit schlechtem
Witz Gefallene Größe zu höhnen.
Du solltest mit Pietät, mich
deucht,
Behandeln solche Leute;
Der Alte ist dein Vater vielleicht
Von mütterlicher Seite.«
aus „Heinrich
Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“ |
Der Tambourmajor - Heinrich Heine.pdf |
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Entartung
Heinrich Heine
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Hat die Natur sich auch
verschlechtert,
Und nimmt sie Menschenfehler an?
Mich dünkt, die Pflanzen und die Tiere,
Sie lügen jetzt wie jedermann.
Ich glaub nicht an der Lilie
Keuschheit,
Es buhlt mit ihr der bunte Geck,
Der Schmetterling; er küßt und flattert
Am End' mit ihrer Unschuld weg.
Von der Bescheidenheit der
Veilchen
Halt ich nicht viel. Die kleine Blum',
Mit den koketten Düften lockt sie,
Und heimlich dürstet sie nach Ruhm.
Ich zweifle auch, ob sie
empfindet,
Die Nachtigall, das, was sie singt;
Sie übertreibt und schluchzt und trillert
Nur aus Routine, wie mich dünkt.
Die Wahrheit schwindet von
der Erde,
Auch mit der Treu' ist es vorbei.
Die Hunde wedeln noch und stinken
Wie sonst, doch sind sie nicht mehr treu.
aus „Heinrich
Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“ |
Entartung - Heinrich Heine.pdf |
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Nachtgedanken
Heinrich Heine
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Denk ich an Deutschland in
der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.
Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.
Mein Sehnen und Verlangen
wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!
Die alte Frau hat mich so
lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.
Die Mutter liegt mir stets
im Sinn.
Zwölf Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.
Deutschland hat ewigen
Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wiederfinden.
Nach Deutschland lechzt ich
nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.
Seit ich das Land verlassen
hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt - wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.
Und zählen muß ich - Mit der
Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust - Gottlob! Sie weichen!
Gottlob! Durch meine Fenster
bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.
aus „Heinrich
Heine, Gesammelte Gedichte und Verse“ |
Nachtgedanken - Heinrich
Heine.pdf |
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Auf einer
kleinen Bank vor einer großen Bank
Erich Kästner |
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Worauf mag die Gabe des
Fleißes,
die der Deutsche besitzt, beruhn?
Deutschsein heißt - der Deutsche weiß es -
Dinge um ihrer selbst willen tun.
Wenn er spart, dann nicht deswegen,
daß er später was davon hat.
Nein, ach nein, Geld hinterlegen
findet ohne Absicht statt.
Uns erfreut das bloße
Sparen.
Geld persönlich macht nicht froh.
Regelmäßig nach paar Jahren
klaut Ihr's uns ja sowieso.
Nehmt denn hin, was wir
ersparten
und verluderts dann und wann.
Und erfindet noch paar Arten,
wie man pleite gehen kann.
Wieder ist es Euch gelungen,
wieder sind wir auf dem Hund,
unser Geld hat ausgerungen
- Ihr seid hoffentlich gesund.
Heiter stehn wir vor den Banken,
Armut ist der Mühe Lohn.
Bitte, bitte, nicht zu danken. Keine Angst, wir gehen schon.
Und empfindet keine Reue.
Leider wurdet Ihr ertappt.
Doch wir halten Euch die
Treue,
und dann sparen wir aufs Neue,
bis es wieder mal so klappt.
aus „Gesang
zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag |
Auf einer kleinen Bank vor einer großen
Bank - Erich Kästner.pdf |
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Das Führerproblem, genetisch betrachtet
Erich Kästner |
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Als Gott am ersten
Wochenende
die Welt besah, und siehe, sie war gut,
da rieb er sich vergnügt die Hände.
Ihn packte eine Art von Übermut.
Er blickte stolz auf seine
Erde
und sah Tuberkeln, Standard Oil und Waffen.
Da kam aus Deutschland die Beschwerde:
»Du hast versäumt, uns Führer zu erschaffen!«
Gott war bestürzt. Man
kann's verstehn.
»Mein liebes deutsches Volk«, schrieb er zurück,
»es muss halt ohne Führer gehn.
Die Schöpfung ist vorbei. Grüß Gott. Viel Glück.
Nun standen wir mit Ohne da,
der Weltgeschichte freundlichst überlassen.
Und: Alles, was seitdem geschah,
ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen.
aus „Gesang
zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag
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Das Führerproblem, genetisch betrachtet
-
Erich Kästner.pdf |
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Die Entwicklung der
Menschheit
Erich Kästner |
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Einst haben die Kerls auf
den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.
Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.
Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.
Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
aus „Gesang
zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag
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Die Entwicklung der
Menschheit -
Erich Kästner.pdf |
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Hunger ist heilbar
Erich Kästner |
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Es kam ein Mann ins
Krankenhaus
und erklärte, ihm sei nicht wohl.
Da schnitten sie ihm den Blinddarm heraus
und wuschen den Mann mit Karbol.
Befragt, ob ihm besser sei, rief er: „Nein.“
Sie machten ihm aber Mut
und amputierten sein linkes Bein
und sagten: „Nun geht‘s ihnen gut.“
Der arme Mann hingegen litt
und füllte das Haus mit Geschrei.
Da machten sie ihm den Kaiserschnitt
Um nachzusehen, was denn sei.
Sie waren Meister in ihrem Fach
Und schnitten sogar ein Gesicht.
Er schwieg. Er war zum Schreien zu schwach,
doch sterben tat er noch nicht.
Sein Blut wurde freilich langsam knapp.
Auch litt er an Atemnot.
Sie sägten ihm noch drei Rippen ab.
Dann war er endlich tot.
Der Chefarzt sah die Leiche an.
Da fragte ein anderer, ein Junger:
„Was fehlt denn dem armen Mann?“
Der Chefarzt schluchzte und murmelte dann:
„Ich glaube, er hatte nur Hunger.“
aus „Gesang
zwischen den Stühlen“, Atrium-Verlag
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Hunger ist heilbar - Erich Kästner |
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Erkenne Dich selbst
Franz Kafka
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Erkenne Dich selbst bedeutet
nicht: Beobachte Dich.
Beobachte Dich ist das Wort
der Schlange.
Es bedeutet: Mache Dich zum
Herrn Deiner Handlungen.
Nun bist Du es aber schon,
bist Herr Deiner Handlungen.
Das Wort bedeutet also:
Verkenne Dich! Zerstöre Dich!
also etwas Böses und nur wenn
man sich sehr tief hinabbeugt,
hört man auch sein Gutes,
welches lautet:
"um Dich zu dem zu machen,
der Du bist." |
Erkenne Dich selbst - Franz
Kafka |
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Weil du nicht da bist
Mascha Kaleko
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Weil du nicht da bist, sitze
ich und schreibe
All meine Einsamkeit auf dies Papier.
Ein Fliederzweig schlägt an die Fensterscheibe.
Die Maiennacht ruft laut. Doch nicht nach mir.
Weil du nicht bist, ist der Bäume Blühen,
Der Rosen Duft vergebliches Bemühen,
Der Nachtigallen Liebesmelodie
Nur in Musik gesetzte Ironie.
Weil du nicht da bist, flücht ich mich ins Dunkel.
Aus fremden Augen starrt die Stadt mich an
Mit grellem Licht und lärmendem Gefunkel,
Dem ich nicht folgen, nicht entgehen kann.
Hier unterm Dach sitz ich beim Lampenschirm;
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt.
November singt in mir sein graues Lied.
»Weil du nicht da bist« flüstert es im Zimmer.
»Weil du nicht da bist« rufen Wand und Schränke,
Verstaubte Noten über dem Klavier.
Und wenn ich endlich nicht mehr an dich denke,
Die Dinge um mich reden nur von dir.
Weil du nicht da bist, blättre ich in Briefen
Und weck vergilbte Träume, die schon schliefen.
Mein Lachen, Liebster, ist dir nachgereist.
Weil du nicht da bist, ist mein Herz verwaist. |
Weil du
nicht da bist - Mascha Kaleko |
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Mascha Kaléko
Eines
Morgens wachst du auf
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Eines Morgens
wachst du auf
und bist nicht mehr am Leben.
Über Nacht, wie Schnee und Frost,
hat es sich begeben.
Aller Sorgen dieser Welt bist du nun enthoben.
Krankheit, Alter, Ruhm und Geld sind wie Wind zerstoben.
Friedlich sonnst du dich im Licht einer neuen Küste
ohne Ehrgeiz, ohne Pflicht.
- Wenn man das nur wüsste!
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Eines Morgens wachst du auf - Mascha Kaléko |
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Klabund
Lied der Harfenjule |
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Emsig dreht sich meine Spule
Immer zur Musik bereit,
Denn ich bin die Harfenjule
Schon seit meiner
Kinderzeit.
Niemand schlägt wie ich die
Saiten,
Niemand hat wie ich Gewalt.
Selbst die wilden Tiere
schreiten
Sanft wie Lämmer durch den
Wald.
Und ich schlage meine Harfe,
Wo und wie es immer sei,
Zum Familienbedarfe,
Kindstauf oder Rauferei.
Reich mir einer eine Halbe
Oder einen Groschen nur.
Als des Sommers letzte
Schwalbe
Schwebe ich durch die Natur.
Und so dreht sich meine
Spule,
Tief vom Innersten bewegt,
Bis die alte Harfenjule
Einst im Himmel Harfe
schlägt. |
Lied
der Harfenjule - Klabund |
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Erich Mühsam
Liebesweh |
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Zähre rieselt mir um Zähre
in des Betts zerwühltes Laken.
Bange Angstgedanken haken
sich an meiner Seele Schwere.
Schmerzgekrümmt sind meine
Beine;
traurig triefend hängt der Bart
von den Tränen, die ich weine, -
und die Nase trieft apart...
Ach, es ist der Traum der
Liebe,
den ich durch die Seele siebe.
Ach, es ist der Liebe Weh,
das mich zwickt vom Kopf zur Zeh. -
Armes Herz. Die Träume
wittern
fernen Trost. Ich spann' die Ohren, -
fernherflüsternd, traumverloren,
murmelt ein geliebter Mund:
Schlapper Hund! |
Liebesweh - Erich
Mühsam |
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Else Lasker-Schüler
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Es wird ein großer Stern in
meinen Schoß fallen ...
Wir wollen wachen die Nacht,
In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht -
So viel Gott strömt über.
Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.
Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?
Grenzt nicht mein Herz an deins -
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen. |
Versöhnung - Else Lasker-Schüler |
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Else
Lasker-Schüler
Nur dich |
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Der Himmel trägt im
Wolkengürtel
Den gebogenen Mond.
Unter dem Sichelbild
Will ich in deiner Hand ruhn.
Immer muß ich wie der Sturm
will,
Bin ein Meer ohne Strand.
Aber seit du meine Muscheln
suchst,
Leuchtet mein Herz.
Das liegt auf meinem Grund
Verzaubert.
Vielleicht ist mein Herz die
Welt,
Pocht -
Und sucht nur noch dich –
Wie soll ich dich rufen?
|
Nur dich -
Else Lasker-Schüler |
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Erich Maria Remarque
Nacht an der Front |
Nacht an der
Front - Erich Maria Remarque |
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Das Auto bringt uns nach
vorn. Ein dürftiger Wald nimmt uns auf. Wir passieren Gulaschkanonen; hinter
dem Wald steigen wir ab. Die Wagen fahren zurück. Sie sollen uns morgen vor
dem Hellwerden wieder abholen.
Nebel und Geschützrauch stehen in Brusthöhe über den Wiesen. Der Mond
scheint darauf. Auf der Straße ziehen Truppen. Die Stahlhelme schimmern mit
matten Reflexen im Mondlicht. Die Köpfe und die Gewehre ragen aus dem weißen
Nebel; nickende Köpfe, schwankende Gewehrläufe.
Weiter vorn hört der Nebel auf. Die Köpfe werden hier zu Gestalten; - Röcke,
Hosen und Stiefel kommen aus dem Nebel wie aus einem Milchteich. Sie
formieren sich zur Kolonne. Die Kolonne marschiert, geradeaus, die Gestalten
schließen sich zu einem Keil, man erkennt die einzelnen nicht mehr, nur ein
dunkler Keil schiebt sich nach vorn, sonderbar ergänzt aus den im Nebelteich
heranschwimmenden Köpfen und Gewehren. Eine Kolonne - keine Menschen.
Auf einer Querstraße fahren leichte Geschütze und Munitionswagen heran. Die
Pferde haben glänzende Rücken im Mondschein, ihre Bewegungen sind schön, sie
werfen die Köpfe, man sieht die Augen blitzen. Die Geschütze und Wagen
gleiten vor dem verschwimmenden Hintergrund der Mondlandschaft vorüber, die
Reiter mit ihren Stahlhelmen sehen aus wie Ritter einer vergangenen Zeit, es
ist irgendwie schön und ergreifend.
Wir streben dem Pionierpark zu. Ein Teil von uns ladet sich gebogene, spitze
Eisenstäbe auf die Schultern, der andere steckt glatte Eisenstöcke durch
Drahtrollen und zieht damit ab. Die Lasten sind unbequem und schwer.
Das Terrain wird zerrissener. Von vorn kommen Meldungen durch - »Achtung,
links tiefer Granattrichter« -
»Vorsicht, Graben« -
Unsere Augen sind angespannt, unsere Füße und Stöcke fühlen vor, ehe sie die
Last des Körpers empfangen. Mit einmal hält der Zug; - man prallt mit dem
Gesicht gegen die Drahtrolle des Vordermannes und schimpft.
Einige zerschossene Wagen sind im Wege. Ein neuer Befehl. »Zigaretten und
Pfeifen aus.« - Wir sind dicht an den Gräben.
Es ist inzwischen ganz dunkel geworden. Wir umgehen ein Wäldchen und haben
dann den Frontabschnitt vor uns.
Eine ungewisse, rötliche Helle steht am Horizont von einem Ende zum andern.
Sie ist in ständiger Bewegung, durchzuckt vom Mündungsfeuer der Batterien.
Leuchtkugeln steigen darüber hoch, silberne und rote Bälle, die zerplatzen
und in weißen, grünen und roten Sternen niederregnen. Französische Raketen
schießen auf, die in der Luft einen Seidenschirm entfalten und ganz langsam
niederschweben. Sie erleuchten alles taghell, bis zu uns dringt ihr Schein,
wir sehen unsere Schatten scharf am Boden. Minutenlang schweben sie, ehe sie
ausgebrannt sind. Sofort steigen neue hoch, Überall, und dazwischen wieder
die grünen, roten und blauen.
»Schlamassel«, sagt Kat.
Karl pfeift durch die Zähne. Ich weiß, was das heißen soll.
Das Gewitter der Geschütze verstärkt sich zu einem einzigen dumpfen Dröhnen
und zerfällt dann wieder in Gruppeneinschläge. Die trockenen Salven der
Maschinengewehre knarren. Über uns ist die Luft erfüllt von unsichtbarem
Jagen, Heulen, Pfeifen und Zischen. Es sind kleinere Geschosse; - dazwischen
orgeln aber auch die großen Kohlenkästen, die ganz schweren Brocken durch
die Nacht und landen weit hinter uns. Sie haben einen röhrenden, heiseren,
entfernten Ruf, wie Hirsche in der Brunft, und ziehen hoch über dem Geheul
und Gepfeife der kleineren Geschosse ihre Bahn.
Die Scheinwerfer beginnen
den schwarzen Himmel abzusuchen. Sie rutschen darüber hin wie riesige, am
Ende dünner werdende Lineale. Einer steht still und zittert nur wenig.
Sofort ist ein zweiter bei ihm, sie kreuzen sich, ein schwarzes Insekt ist
zwischen ihnen und versucht zu entkommen: der Flieger. Er wird unsicher,
geblendet und taumelt.
Wir rammen die Eisenpfähle in regelmäßigen Abständen fest. Immer zwei Mann
halten eine Rolle, die andern spulen den Stacheldraht ab. Es ist der
ekelhafte Draht mit den dichtstehenden, langen Stacheln. Ich bin das
Abrollen nicht mehr gewöhnt und reiße mir die Hand auf.
Nach einigen Stunden sind wir fertig. Aber wir haben noch Zeit, bis die
Lastwagen kommen. Die meisten von uns legen sich hin und schlafen. Ich
versuche es auch. Doch es wird zu kühl. Man merkt, daß wir nahe am Meere
sind, man wacht vor Kälte immer wieder auf.
Einmal schlafe ich fest. Als ich plötzlich mit einem Ruck hochfliege, weiß
ich nicht, wo ich bin. Ich sehe die Sterne, ich sehe die Raketen und habe
einen Augenblick den Eindruck, auf einem Fest im Garten eingeschlafen zu
sein. Ich weiß nicht, ob es Morgen oder Abend ist, ich liege in der bleichen
Wiege der Dämmerung und warte auf weiche Worte, die kommen müssen, weich und
geborgen - weine ich? Ich fasse nach meinen Augen, es ist so wunderlich, bin
ich ein Kind? Sanfte Haut; - nur eine Sekunde währt es, dann erkenne ich die
Silhouette Katczinsys. Er sitzt ruhig, der alte Soldat, und raucht eine
Pfeife, eine Deckelpfeife natürlich. Als er bemerkt, daß ich wach bin, sagt
er nur: »Du bist schön zusammengefahren. Es war nur ein Zünder, er ist da
ins Gebüsch gesaust.«
Ich setze mich hoch, ich fühle mich sonderbar allein. Es ist gut, daß Kat da
ist. Er sieht gedankenvoll zur Front und sagt: »Ganz schönes Feuerwerk,
wenn's nicht so gefährlich wäre. «
Hinter uns schlägt es ein. Ein paar Rekruten fahren erschreckt auf. Nach ein
paar Minuten funkt es wieder herüber, näher als vorher. Kat klopft seine
Pfeife aus. »Es gibt Zunder.«
Schon geht es los. Wir kriechen weg, so gut es in der Eile geht. Der nächste
Schuß sitzt bereits zwischen uns. Ein paar Leute schreien. Am Horizont
steigen grüne Raketen auf. Der Dreck fliegt hoch, Splitter surren. Man hört
sie noch aufklatschen, wenn der Lärm der Einschläge längst wieder verstummt
ist.
Neben uns liegt ein verängstigter Rekrut, ein Flachskopf. Er hat das Gesicht
in die Hände gepreßt, sein Helm ist weggepurzelt. Ich fische ihn heran und
will ihn auf seinen Schädel stülpen. Er sieht auf, stößt den Helm fort und
kriecht wie ein Kind mit dem Kopf unter meinen Arm, dicht an meine Brust.
Die schmalen Schultern zucken. Schultern, wie Kemmerich sie hatte.
Ich lasse ihn gewähren. Damit der Helm aber wenigstens zu etwas nutze ist,
packe ich ihn auf seinen Hintern, nicht aus Blödsinn, sondern aus
Überlegung, denn das ist der höchste Fleck. Wenn da zwar auch dickes Fleisch
sitzt, Schüsse hinein sind doch verflucht schmerzhaft, außerdem muß man
monatelang im Lazarett auf dem Bauch liegen und nachher ziemlich sicher
hinken.
Ich stülpe ihn ihm wieder auf. "Na, na."
Irgendwo hat es mächtig eingehauen. Man hört Schreien zwischen den
Einschlägen.
Endlich wird es ruhig. Das Feuer ist über uns hinweggefegt und liegt nun auf
den letzten Reservegräben. Wir riskieren einen Blick. Rote Raketen flattern
am Himmel. Wahrscheinlich kommt ein Angriff.
Bei uns bleibt es ruhig. Ich setze mich auf und rüttele den Rekruten an der
Schulter. »Ist noch mal gut gegangen.« |
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Joachim Ringelnatz
Ehrgeiz |
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Ich habe meinen Soldaten aus
Blei
Als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt.
Mir selber ging alle Ehre vorbei,
Bis auf zwei Orden, die jeder besitzt.
Und ich pfeife durchaus nicht
auf Ehre.
Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,
Daß man nach meinem Tod (grano salis)
Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales
Und krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen,
Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
Mit Schatten und schiefen Fensterluken.
Da würde ich spuken. |
Ehrgeiz - Joachim
Ringelnatz |
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Joachim Ringelnatz
Zu einem Geschenk |
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Ich wollte dir was
dedizieren,
nein, schenken, was nicht zuviel kostet.
Aber was aus Blech ist, rostet,
und die Messing-Gegenstände oxydieren.
Und was kosten soll es eben doch.
Denn aus Mühe mach ich extra noch
was hinzu, auch kleine Witze.
Wär bei dem, was ich besitze,
etwas Altertümliches dabei ---
doch was nützt Dir eine Lanzenspitze!
An dem Bierkrug sind die beiden
Löwenköpfe schon entzwei.
Und den Buddha mag ich selber leiden.
Und du sammelst keine Schmetterlinge,
die mein Freund aus China mitgebracht.
Nein - das Sofa und so große Dinge
kommen überhaupt nicht in Betracht.
Ach, ich hab die ganze letzte Nacht,
rumgegrübelt, was ich dir
geben könnte. Schlief deshalb nur eine,
allerhöchstens zwei von sieben Stunden,
und zum Schluß hab ich doch nur dies kleine,
lumpige, beschißne Ding gefunden.
Aber gern hab ich für dich gewacht.
Was ich nicht vermochte, tu du's: Drücke du
nun ein Auge zu.
Und bedenke,
daß ich dir fünf Stunden Wache schenke.
Laß mich auch in Zukunft nicht in Ruh. |
Zu einem
Geschenk - Joachim Ringelnatz |
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Anna Seghers
Das siebte Kreuz - Auszug I |
Das siebte
Kreuz - Anna Seghers
Auszug I |
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Das ist das Land,
von dem es heisst, dass die Geschosse des letzten Krieges jeweils die
Geschosse des vorletzten aus der Erde wühlen. Diese Hügel sind keine
Gebirge. Jedes Kind kann Sonntags zu Kaffee und Streuselkuchen sein,
Verwandten im jenseitigen Dorf besuchen und zum Abendläuten zurück sein.
Doch diese Hügelkette war lange der Rand der Welt – jenseits begann die
Wildnis, das unbekannte Land. Diese Hügel entlang
zogen die Römer den Limes. So viele
Geschlechter waren verblutet, seitdem sie die
Sonnenaltäre der Kelten hier auf den
Hügeln verbrannt hatten, so viele Kämpfe durchgekämpft, dass sie jetzt
glauben konnten, die besitzbare Welt sei endgültig umzäunt und gerodet. Aber
nicht den Adler und nicht das Kreuz
hat die Stadt dort unten im Wappen behalten, sondern
das keltische Sonnenrad, die Sonne,
die Marnets Äpfel reift. Hier lagerten die Legionen und mit ihnen alle
Götter der Welt, städtische und bäuerliche, Judengott und Christengott,
Astarte und
Isis,
Mithras und
Orpheus. Hier riss die Wildnis, da, wo
jetzt Ernst aus Schmiedtheim bei den Schafen steht, ein Bein vorgestellt,
einen Arm in der Hüfte, und ein Zipfelchen seines Schal steht stracks ab,
als wehe beständig ein Wind. In dem Tal in seinem Rücken, in der weichen
verdunsteten Sonne, sind die Völker gargekocht worden. Norden und Süden,
Osten und Westen haben ineinandergebrodelt, aber das Land wurde nichts von
alledem und behielt doch von allem etwas. Reiche wie farbige Blasen sind aus
dem Land im Rücken des Schäfers Ernst herausgestiegen und fast sofort
zerplatzt. Sie hinterliessen keinen Limes und keine Triumphbögen und keine
Heerstrassen, nur ein paar zersprungene Goldbänder von den Fussknöcheln
ihrer Frauen. Aber sie waren so zäh und unausrottbar wie Träume. Und so
stolz steht der Schäfer da, so vollkommen gleichmütig, als wüsste er all das
und stünde nur darum so da, und vielleicht, wenn er auch nichts davon weiss,
steht er wirklich darum so da. Dort, wo die Chaussee in die Autobahn mündet,
wurde das
Frankenheer gesammelt, als man den
Übergang über den Main suchte. Hier ritt
der Mönch herauf zwischen Mangolds und
Marnets Gehöft, hinein in vollkommene Wildnis, die von hier aus noch keiner
betreten hatte, ein zarter Mann auf einem Eselchen, die Brust geschützt mit
dem Panzer des Glaubens, gegürtet mit dem Schwert des Heils, und er brachte
die Evangelien und die Kunst, Äpfel zu okulieren.
Ernst der Schäfer drehte sich nach dem Radfahrer um. Sein Halstuch wird ihm
schon zu heiss, er reisst es ab und wirft es auf das Stoppelfeld wie ein
Feldzeichen. Man könnte glauben, das sei eine Geste vor tausend Augenpaaren.
Aber nur sein Hündchen Nelli sieht ihn an. Er nimmt seine unnachahmbar
spöttisch-hochmütige Haltung wieder auf, aber jetzt mit dem Rücken zur
Strasse, mit dem Gesicht zur Ebene, dahin, wo der Main in den Rhein fliesst.
Bei der Mündung liegt Mainz. Das stellte dem Heiligen Römischen Reich die
Erzkanzler. Und das flache Land zwischen Mainz und Worms, das ganze Ufer war
bedeckt von den Zeltlagern der
Kaiserwahlen. Jedes Jahr geschah etwas
Neues in diesem Land und jedes Jahr dasselbe: dass die Äpfel reiften und der
Wein bei einer sanften vernebelten Sonne und den Mühen und Sorgen der
Menschen.
Denn den Wein
brauchten alle für alles, die Bischöfe und Grundbesitzer, um ihren Kaiser zu
wählen,
die Mönche und Ritter, um ihre Orden zu gründen,
die Kreuzfahrer,
um Juden zu verbrennen, vierhundert
auf einmal auf dem Platz in Mainz, der noch heute der Brand heisst, die
geistlichen und weltlichen Kurfürsten, als das Heilige Reich zerfallen war,
aber die Feste der Grossen lustig wie nie wurden, die
Jakobiner, um die Freiheitsbäume zu
umtanzen.
Zwanzig Jahre
später stand auf der Mainzer Schiffsbrücke ein alter Soldat Posten. Wie sie
an ihm vorüberzogen,
die letzten der Grossen Armee,
zerlumpt und düster, da fiel ihm ein, wie er hier Posten gestanden hatte als
sie eingezogen waren mit den Trikoloren und mit den Menschenrechten, und er
weinte laut auf. Auch dieser Posten wurde zurückgezogen. Es wurde stiller,
selbst hierzuland. Auch hierher kamen
die Jahre 33 und 48, dünn und bitter,
zwei Fädchen geronnenes Blut. Dann kam wieder
ein Reich, das man heute das Zweite nennt.
Bismarck liess seine inneren
Grenzpfähle ziehen, nicht um das Land herum, sondern quer durch, dass die
Preussen ein Stück ins Schlepptau bekamen. Denn die Bewohner waren zwar
nicht gerade rebellisch, sie waren nur allzu gleichgültig wie Leute, die
allerhand erlebt haben und noch erleben werden.
War es wirklich die
Schlacht von Verdun, die die
Schulbuben hörten, wenn sie sich hinter Zahlbach auf die Erde legten, oder
nur das fortwährende Zittern der Erde unter den Eisenbahnzügen und Märschen
der Armeen? Manche von diesen Buben standen später vor den Gerichten.
Manche, weil sie sich mit den Soldaten der Okkupationsarmee verbrüdert,
manche, weil sie ihnen unter die Schienen Lunten gelegt hatten. Auf dem
Gerichtsgebäude wehten
die Fahnen der Interalliierten Kommission.
Dass man die Fahnen eingeholt hat und
gegen die schwarz-rot-goldene vertauscht,
die das Reich damals noch hatte, da ist noch längst keine zehn Jahre her.
Selbst die Kinder haben sich neulich daran erinnert, als das
hundertvierundvierzigste Infanterieregiment zum ersten Mal wieder mit
klingendem Spiel über die Brücke zog. War das abends ein Feuerwerk! Ernst
konnte es hier oben sehen. Brennende, johlende Stadt hinter dem Fluss!
Tausende Hakenkreuzelchen, die sich im Wasser kringelten! Wie die Flämmchen
darüberhexten! Als der Strom morgens hinter der Eisenbahnbrücke die Stadt
zurückliess, war sein stilles bläuliches Grau doch unvermischt. Wieviele
Feldzeichen hat er schon durchgespült, wieviele Fahnen. Ernst pfeift seinem
Hündchen, das ihm das Halstuch zwischen den Zähnen bringt.
Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns. |
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Anna Seghers
Das siebte Kreuz - Auszug II |
Das siebte
Kreuz - Anna Seghers
Auszug II |
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"Fritz, jetzt
kriegst du ja", sagte sie, "deine Jacke wieder." "Hoffentlich", sagte der
Junge. "Wenn man sie nur nicht sehr zugerichtet hat", sagte das Mädchen. "Weisst
du, der Alwig, der ihn zuletzt gepackt hat, das ist ein Roher."
Gestern abend hatte man in den Dörfern von nichts anderem gesprochen als von
dem Flüchtling, den man in Alwigs Hof gestellt hatte ... Als man das Lager
Westhofen vor mehr als drei Jahren eröffnete, als man Baracken und Mauern
baute, Stacheldrähte zog und Posten aufstellte, als dann die erste Kolonne
von Häftlingen unter Gelächter und Fusstritten durchgezogen kam, woran sich
damals schon Alwigs beteiligten und Alwig ähnliche Burschen, als man nachts
Schreie hörte und ein Gejohle und zwei-, dreimal Schüsse, da war es allen
beklommen zu Mute. Man hatte sich bekreuzigt vor solcher Nachbarschaft.
Mancher, den sein Arbeitsweg weit herumführte, hatte auch bald die
Sträflinge unter Bewachung auf Aussenarbeit gesehen. Mancher hatte bei sich
gedacht "Arme Teufel". Aber man hatte auch bald gedacht, was sie da
eigentlich buddelten. Damals war es vorgekommen, dass auch in Liebau ein
junger Schiffer offen auf das Lager fluchte. Den hatten sie dann gleich
geholt. Er war auf einige Wochen eingesperrt worden, damit er sehen könnte,
was drinnen los sei. Als er herauskam, hatte er sonderbar ausgesehen und auf
keine Frage geantwortet. Er hatte Arbeit auf einem Schleppkahn gefunden und
war später, wie seine Leute erzählten, ganz in Holland geblieben, eine
Geschichte, über die das Dorf damals erstaunt war. Einmal waren zwei Dutzend
Häftlinge durch Liebau gebracht worden, die waren schon vor der Einlieferung
so zugerichtet, dass es den Menschen graute und eine Frau im Dorf offen
weinte. Aber am Abend hatte der neue junge Bürgermeister des Dorfs die Frau,
die seine Tante war, zu sich bestellt und ihr klargemacht, dass sie mit
ihrer Flennerei nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Söhnen, die
zugleich seine Vettern waren, und ein Vetter war zugleich auch sein
Schwager, für ihr Leben lang Schaden zufügte. Überhaupt hatten die jüngeren
Leute im Dorf, Burschen um Mädchen, ihren Eltern genau erklären können,
warum das Lager da sei und für wen, junge Leute, die immer alles besser
wissen wollen – nur dass die Jungen in früheren Zeiten das Gute besser
wissen wollten, jetzt aber wussten sie das Böse besser. Da man dann doch
nichts gegen das Lager tun konnte, waren allerlei Aufträge auf Gemüse und
Gurken gekommen und allerlei nützlicher Verkehr, wie es die Ansammlung und
Verpflegung vieler Menschen mit sich bringt.
Doch als gestern früh die Sirenen heulten, als die Posten an allen Strassen
aus der Erde wuchsen, als das Gerücht von der Flucht sich verbreitete, als
dann mittags im nächsten Dorf ein richtiger Flüchtling gefangen wurde, da
war auf einmal das Lager, an das man sich längst gewöhnt hatte, gleichsam
neu aufgebaut worden, warum grad hier bei uns? Neue Mauern waren errichtet
worden, neue Stacheldrähte gezogen. Jener Trupp Häftlinge, der von der
nächsten Bahnstation kürzlich durch die Dorfgasse getrieben wurde, – warum,
warum, warum?
Jene Frau, die
ihr Neffe, der Bürgermeister, vor fast drei Jahren verwarnt hatte, weinte
gestern abend offen zum zweiten Mal. War das auch nötig gewesen, dem
Flüchtling, da man ihn ja schon hatte, mit dem Absatz auf die Finger zu
treten, als er sich oben am Wagenrand festhielt? Alle Alwigs waren von jeher
roh gewesen, nur waren sie jetzt die Tonangeber. Wie der Mensch bleich
gewesen war zwischen den frischen, gesunden Bauernburschen ...
Das hatte alles der junge Helwig mitangehört. Seitdem er ein wenig
nachdachte, war das Lager immer dagewesen und mit dem Lager auch alle
Erklärungen, warum es da sein musste. Er kannte gar nichts anderes. Das
Lager war ja aufgebaut worden, als er ein Knabe gewesen war. Nun wurde es
gleichsam zum zweiten Mal aufgebaut, als er fast ein Jüngling war.
Lauter Lumpen und Narren waren da sicher nicht drin, sagten die Leute. Jener
Schiffer, der damals drin war, der war ja auch kein Lump gewesen. Helwigs
stille Mutter sagte: "Nein." Der junge Helwig sah sie an. Es war ihm ein
wenig bang ums Herz. Warum war heut abend frei? Er hatte Lust auf gewohnte
Gesellschaft, auf Lärm, Kampfspiele und Märsche. Er war herangewachsen in
einem wilden Getöse aus Trompeten, Fanfaren, Heilrufen und Marschschritten.
Plötzlich an diesem Abend war alles abgebrochen für zwei Minuten, Musik und
Trommeln, dass man die feinen dünnen Töne hörte, die sonst unhörbar waren.
Warum hatte der alte Gärtner ihn heut mittag so angesehen? Es gab auch
manche, die ihn lobten. Durch seine gute, genaue Beschreibung, sagten sie,
sei der Flüchtling gefunden worden.
Der kleine Helwig ging den Feldweg hinauf über eine Erdkrümmung. Er
erblickte den älteren Alwig in den Rüben und rief ihn an. Alwig, schon rot
und verschwitzt von der Arbeit, kam an den Weg. Was der heut schon hinter
sich hat, dachte Helwig, als müsste er den Alwig verteidigen. Alwig
beschrieb ihm alles, wie man eine Jagd beschreibt. Eben war er bloss ein
Bauer gewesen, der früher als andere in seinen Acker geht Jetzt im
Beschreiben war er der Sturmführer Alwig, ein Mann, der ein Zillich werden
konnte, wenn man ihm dazu Gelegenheit gab. War doch auch Zillich mal bloss
ein Alwig gewesen, ein Bauer droben bei Werthein am Main. Auch er war früh
aufgestanden, auch er hatte Blut geschwitzt, wenn auch umsonst, weil sein
winziger Hof damals versteigert wurde. Helwig kannte sogar den Zillich, denn
er kam manchmal aus Westhofen, wenn er Urlaub hatte, setzte sich in die
Wirtschaft und sprach über Dorfsachen – bei der Beschreibung der Jagd senkte
Helwig die Augen. "Deine Jacke", sagte Alwig zum Schluss, "was weiss ich?
Nein, das muss ein andrer Flüchtling gewesen sein, den musst du dir selber
fangen, Fritz. Mein Kerl jedenfalls hat keine angehabt." Helwig zuckte die
Achseln; eher erleichtert als enttäuscht, stampfte er gegen die Schule los,
deren Fassade, ockerfarbig gestrichen, über die Felder weg leuchtete. |
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Anna Seghers
Das siebte Kreuz - Auszug III |
Das siebte
Kreuz - Anna Seghers
Auszug III |
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Georg auf der
Plattform der Drei dachte: Wäre es nicht besser gewesen zuFuss? Um den
äusseren Stadtrand herum? War er nicht mehr aufgefallen so – Du sollst nicht
grübeln um das, was Du nicht getan hast, riet ihm Wallau – unnützer
Kraftverbrauch. Du sollst nicht plötzlich abspringen, bald dies, bald das
versuchen. Stell Dich ruhig und sicher.
Was nützen denn Ratschläge, die Dir ja selbst nichts genützt haben? Er hatte
Wallaus Stimme verloren. Jede Minute hatte er sich ihren Klang zurückrufen
können, plötzlich war er fort. Und der Lärm einer ganzen Stadt konnte nicht
das übertönen, was verstummt war. Die Elektrische war jetzt in einer
Schleife stadtauswärts gefahren. Plötzlich erschien es ihm unglaubwürdig,
dass er hier durchfuhr und lebendig am hellen Tag. Es war gegen alle
Wahrscheinlichkeit, gegen alle Berechnung. Entweder war er gar nicht er
selbst oder – Er spürte auf den Schläfen die Zugluft eisig und schneidend,
als sei die Drei in eine andere Zone eingefahren. Er war sicher längst
beobachtet. Warum sollte gerade er, gerade Füllgrabe treffen? Wahrscheinlich
hatten sie Füllgrabe schon an der Leine geführt. Füllgrabes Blick, seine
Bewegungen, sein angebliches Vorhaben – so beträgt sich nur ein Verrückter
oder ein Mann, der an der Leine geführt wird. Warum hat man mich da nicht
gleich gepackt? Sehr einfach – weil man warten will, wohin ich gehe. Man
will sehen, wer mich aufnimmt.
Da fing er auch schon an zu suchen, wer der Verfolger sein müsste. Der Mann
mit Bärtchen und Brille, der wie ein Lehrer aussah? – Der Bursche im blauen
Monteurkittel? – Der Alte, der ein ganzes Bäumchen, sorgfältig verpackt,
vielleicht in sein Gärtchen hinausfuhr?
In den letzten Sekunden hatte sich aus dem Lärm der Stadt eine Marschmusik
abgesondert. – Sie kam rasch näher und wurde stärker, wobei sie allen
Geräuschen und allen Bewegungen ihren scharfen Takt aufzwang. Die Fenster
öffneten sich, aus den Toren liefen Kinder, auf einmal war die Strasse von
Menschen gesäumt – der Fahrer bremste.
Das Pflaster zitterte schon. Man hörte schon jubeln vom Ende der Strasse
her. Seit ein paar Wochen war das 66er Infanterieregiment in den neuen
Kasernen stationiert. Wenn es durch ein Stück Stadt marschierte, dann war
das immer ein frischer Empfang. Da kommen sie endlich: Trompeter und
Trommler, der Tambour wirft seinen Stab, das Pferdchen tänzelt. Da sind sie!
Endlich – die Menschen reissen die Arme hoch. Der Alte schwingt seinen Arm
und stützt mit dem Knie sein Bäumchen. Seine Brauen zucken im Takt des
Marsches. Seine Augen glänzen. Hat er seinen Sohn dazwischen? Das ist der
Marsch, der die Menschen aufwühlt, dass es ihnen den Rücken herunter läuft,
dass ihre Augen leuchten. Was für ein Zauber ist das, zu gleichen Teilen
gemischt aus uralter Erinnerung und vollkommenem Vergessen? Man könnte
glauben, der letzte Krieg, in den dieses Volk geführt wurde, sei das
glücklichste Unternehmen gewesen und hätte nur Freude gebracht und
Wohlstand. Frauen und Mädchen lächeln, als hätten sie unverwundbare Söhne
und Liebste.
Wie die Jungen den Schritt schon gelernt haben in den paar Wochen – Mütter,
die ängstlich und mit Recht bei jedem Pfennig, wofür? fragen, werden,
solange man diesen Marsch aufspielt, die Söhne hergeben und Stücke ihrer
Söhne. Wofür?
Wofür? Das
werden sie sachte fragen, wenn die Musik verhallt ist. Dann wird der Fahrer
wieder ankurbeln, der Alte wird merken, dass an seinem Baum ein Zweiglein
geknickt ist, er wird knurren. Der Spitzel, wenn wirklich einer dabei war,
wird zusammenfahren.
Denn Georg ist von der Plattform herunter. Er ist nach Bockenheim zu Fuss
hinein. Paul wohnte Brunnengasse zwölf. Das hatten weder Schläge noch Tritte
aus seinem Kopf geschüttelt – nicht 'mal den Namen seiner Frau: LieseI,
geborene Enders.
In den letzten Minuten war er sehr schnell und sicher, ohne sich umzusehen,
losgegangen. Er blieb in einer Gasse stehen, die auf die Brunnenstrasse
mündete, vor einem Schaufenster, um sich auszuschnaufen. Wie er sich da im
Spiegel erblickte hinter der Auslage, musste er sich an der Querstange
festhalten. – Wie er weiss im Gesicht war, der Mann, der mit einer Hand nach
der Querstange griff – dieser gelbliche fremde Mantel, der ihn schleppte –
ihn und seinen Kopf mit dem steifen Hut!
Darf ich denn zu Röders hinaufgehen? – fragte er sich. Was berechtigt mich
denn zu glauben, dass ich den Schatten los bin, falls ich beschattet war.
Und der Paul Röder – warum soll denn gerade er, alles gerade für mich
riskieren? Wieso war ich denn vorhin auf der Bank? |
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Anna Seghers
Das siebte Kreuz - Auszug IV |
Das siebte
Kreuz - Anna Seghers
Auszug IV |
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Wenn ich
Bellonis Mantel nicht hätte! dachte Georg, der mit gesenktem Kopf den
Schienen nachging. Sein Gesicht strich ein harter Regen. Endlich traten die
Häuser zurück. Der Regen hing in Strängen vor der Stadt auf dem anderen
Ufer. Sie schien bar aller Wirklichkeit vor dem unermesslichen trüben
Himmel. Eine von jenen Städten, die man im Schlaf erfindet, für die Dauer
eines Traumes, und selbst solange wird sie nicht halten. Aber sie hatte
schon zweitausend Jahre ausgehalten.
Georg kam auf den Kasteller Brückenkopf. Der Posten rief ihn an. Georg
zeigte seinen Pass. Als er schon auf der Brücke war, wurde ihm klar, dass
sein Herz nicht schneller geklopft hatte. Er hätte noch zehn Brückenköpfe
ruhig passieren können. Man kann sich also auch daran gewöhnen. Er fühlte
sein Herz jetzt gefeit gegen Furcht und Gefahren, aber vielleicht auch gegen
das Glück. Er ging etwas langsamer, um keine Minute zu früh anzukommen. Wie
er auf's Wasser herunter sah, erblickte er den Schleppkahn, die Wilhelmine,
mit ihrem grünen Ladestreifen, der sich im Wasser spiegelte, ganz nahe beim
Brückenkopf, aber leider nicht gleich am Ufer, sondern neben einem anderen
Kahn. Georg sorgte sich weniger um den Posten am Mainzer Brückenkopf als
darum, wie man über das fremde Schiff weggelangen sollte. Er sorgte sich
umsonst. Er war noch nicht zwanzig Schritte entfernt von der Anlegestelle,
da tauchte am Bord der Wilhelmine der Kugelkopf eines kleinen, fast
halslosen Mannes auf, ein rundes Gesicht, das ihn offensichtlich erwartete,
ein etwas fettes Gesicht mit runden Nasenlöchern, mit vergrabenen Äuglein,
ein Gesicht, hinter dem man garnichts Gutes vermutete, eben darum für diese
Zeit das rechte Gesicht für einen aufrechten Mann, der allerlei riskierte.
Montag abend
sind dann die sieben Bäume in Westhofen abgeschlagen worden. Dort war alles
sehr schnell gegangen. Der neue Kommandant war im Amt, ehe man den Wechsel
erfahren hatte. Er war wohl der richtige Mann, um ein Lager in Ordnung zu
bringen, in dem sich solche Sachen ereignet hatten. Er brüllte nicht,
sondern sprach mit gewöhnlicher Stimme. Aber er liess uns nicht im Zweifel,
dass man uns alle bei dem geringsten Zwischenfall zusammenknallen würde. Die
Kreuze hat er gleich abschlagen lassen, denn sie waren sein Stil nicht.
Fahrenberg soll schon am Montag nach Mainz gefahren sein. Er soll sich im
Fürstenberger Hof einquartiert haben. Er soll sich dann eine Kugel in den
Kopf geschossen haben. Das ist nur ein Gerücht. Es passt auch nicht recht zu
Fahrenberg. Vielleicht hat sich in jener Nacht im Fürstenberger Hof ein
anderer eine Kugel in den Kopf geschossen, wegen Schulden oder wegen
Liebeskummer. Vielleicht ist Fahrenberg die Treppe heraufgefallen und hat
noch mehr Macht bekommen.
Das alles wussten wir damals noch nicht. Später waren so viele Dinge
passiert, dass man nichts mehr genau erfahren konnte. Wir hatten zwar
geglaubt, mehr könnte man nicht erleben, als wir erlebt hatten. Draussen
stellte es sich heraus, wie viel es noch zu erleben gab.
Doch an dem Abend, als man zum ersten Mal die Häftlingsbaracke einheizte und
das Kleinholz verbrannt war, das wie wir glaubten, von den sieben Bäumen
kam, fühlten wir uns dem Leben näher als jemals später und auch viel näher
als alle anderen, die sich lebendig vorkommen.
Der SA-Posten hatte schon aufgehört, sich über den Regen zu wundern. Er
drehte sich plötzlich um, um uns bei etwas Verbotenem zu überraschen. Er
brüllte los und verteilte gleich ein paar Strafen. Wir lagen zehn Minuten
später auf unseren Pritschen. Das letzte Fünkchen im Ofen verglühte Wir
ahnten, was für Nächte uns jetzt bevorstanden. Die nasse Herbstkälte drang
durch die Decken, durch unsere Hemden, durch die Haut. Wir fühlten alle, wie
tief und furchtbar die äusseren Mächte in den Menschen hineingreifen können
bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, das es im Innersten etwas gab,
was unangreifbar war und unverletzbar. |
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|
| |
An das
Publikum
Kurt
Tucholsky
|
|
O
hochverehrtes Publikum,
sag mal:
bist du wirklich so dumm,
wie uns
das an allen Tagen
alle
Unternehmer sagen ?
Jeder
Direktor mit dickem Popo
spricht:
„Das Publikum will es so!“
Jeder
Fin ?
Das
Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“
Jeder
Verleger zuckt die Achseln und spricht:
„Gute
Bücher gehn eben nicht!“
Sag
mal, verehrtes Publikum:
bist
du wirklich so dumm ?
So dumm,
daß in Zeitungen, früh und spät,
immer
weniger zu lesen steht ?
Aus lauter
Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter
Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter
Besorgnnis, Müller und Cohn
könnten
mit Abbestellung drohn ?
Aus
Bangigkeit, es käme am Ende
einer der
zahllosen Interessenverbände
und
protestierte und denunzierte
und
demonstrierte und prozessierte...
Sag
mal, verehrtes Publikum:
bist
du wirklich so dumm ?
Ja dann...
Es
lastet auf dieser Zeit
der Fluch
der Mittelmäßigkeit.
Hast du so
einen schwachen Magen ?
Kannst du
keine Wahrheit vertragen ?
Bist also
nur ein Grießbrei-Fresser - ?
Ja dann...
Ja,
dann verdienst dus nicht besser.
|
An
das Publikum - Kurt Tucholsky.pdf |
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Es wird nach
einem happy end
im Film
jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß
noch in ihre Lippen
den Helden
seinen Schnurrbart stippen -
da hat sie nun
den Schentelmen.
Na, un denn - ?
Denn jehn die
beeden brav ins Bett.
Na ja ... diß
is ja auch janz nett.
A manchmal
möcht man doch jern wissn:
Wat tun se,
wenn se sich nich kissn ?
Die könn ja
doch nich imma penn ... !
Na, un denn - ?
Denn säuselt
im Kamin der Wind.
Denn kricht
det junge Paar ’n Kind.
Denn kocht sie
Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er
Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln
sich beede jänzlich trenn ...
Na, un denn - ?
Denn is det
Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm
die beeden doch zesamm.
Denn quäln se
sich noch manche Jahre.
Er will noch
wat mit blonde Haare:
vorn doof und
hinten minorenn ...
Na, un denn - ?
Denn sind se
alt.
Der Sohn haut
ab.
Der Olle macht
nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuß
und Schnurrbartzeit -
Ach,
Menschenskind, wie liecht det weit !
Wie der noch
scharf uff Muttern war,
det is schon
beinah nich mehr wahr !
Der olle Mann
denkt so zurück:
wat hat er nu
von seinem Jlück ?
Die Ehe war
zum jrößten Teile
vabrühte Milch
un Langeweile.
Und darum wird
beim happy end
im Film
jewöhnlich abjeblendt. |
Danach - Kurt Tucholsky.pdf |
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Der Graben
Kurt Tucholsky |
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Mutter, wozu hast du deinen
aufgezogen,
Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben
Für den Graben, Mutter, für den Graben.
Junge, kannst du noch an
Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm,
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben
Für den Graben, Junge, für den Graben.
Drüben die französischen
Genossen
lagen dicht bei Englands
Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut
vergossen,
und zerschossen ruht heut
Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer mancher
Knabe
in dem einen großen
Massengrabe.
Seid nicht stolz auf Orden
und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben
und die Zeit!
In die Gräben schickten euch
die Junker,
Staatswahn und der
Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß
für die Raben,
Für das Grab, Kamraden, für
den Graben!
Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen
spielen auf zu euerm
Todestanz.
Seid Ihr hin: ein Kranz von
Immortellen-
das ist dann der Dank des Vaterlands!
Denkt an Todesröcheln und
Gestöhne!
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt Ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben-!
aus „Unser
Militär!“ Büchergilde Gutenberg |
Der Graben - Kurt
Tucholsky.pdf |
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Olle Kamellen
Kurt
Tucholsky
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Vor der Front ein junger Bengel.
Moniert die Fehler, die Schlappheit, die Mängel.
Im Gliede lauter alte Leute.
Schlechter Laune der Leutnant heute...
"Das kann ich der Kompanie erklären:
Ich werde euch Kerls das Strammstehn schon lehren!
Nehmen sie die Knochen zusammen, Sie Schwein!"
Und das soll alles vergessen sein?
Drin im Kasino ist großer Trubel.
Gläserklingen. Hurragejubel.
Sieben Gänge, dreierlei Weine.
Der Posten draußen hat kalte Beine.
Er denkt an Muttern, an zu Haus;
die Kinder, schreibt sie, sehn elend aus.
Drin sind sie lustig und krähen und schrein -
Und das soll alles vergessen sein?
Und das sei alles vergeben, vergessen?
Die Tritte nach unten?
Der Diebstahl am Essen? Bei Gott!
Das sind keine alten Kamellen!
Es wimmelt noch heute vn solchen Gesellen!
Eingedrillter Kadaverrespekt -
wie tief der noch in den Köpfen steckt!
Er riß uns in jenen Krieg hinein -
Und das soll alles vergessen sein?
Nicht
vergessen. Wir wollen das ändern.
Ein freies Land unter freien Ländern sei Deutschland -
mit freuen Bewohnern drin, ohne den knechtischen Dienersinn.
Wir wollen nicht Rache an Offizieren.
Wir wollen den deutschen Sinn reformieren.
Sei ein freier Deutscher - Bruder, schlag ein!
Und dann soll alles vergessen sein!
aus „Unser
Militär!“ Büchergilde Gutenberg |
Olle Kamellen - Kurt
Tucholsky.pdf |
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An den Leser
Franz Werfel
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Mein einziger Wunsch ist,
Dir, o Mensch, verwandt zu sein!
Bist Du Neger, Akrobat, oder
ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,
Klingt Dein Mädchenlied über
den Hof, lenkst Du Dein Floß
im Abendschein,
Bist Du Soldat oder
Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
Trugst Du als Kind auch ein
Gewehr in grüner Armschlinge?
Wenn es losging, entflog ein
angebundener Stöpsel dem Lauf.
Mein Mensch, wenn ich
Erinnerung singe,
Sei nicht hart und löse Dich
mit mir in Tränen auf!
Denn ich habe aIle
Schicksale durchgemacht: Ich weiß
Das Gefühl von einsamen
Harfenstimmen in Kurkapellen,
Das Gefühl von schüchternen
Gouvernanten im fremden Familienkreis,
Das Gefühl von Debutanten,
die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.
Ich lebte im Walde, hatte
ein Bahnhofsamt,
Saß gebeugt über
Kassabüchern und bediente ungeduldige Gäste.
Als Heizer stand ich vor
Kesseln, das Antlitz grell überflammt,
Und als Kuli aß ich Abfall
und Küchenreste.
So gehöre ich Dir und Allen.
Wolle mir, bitte, nicht
widerstehn!
Oh könnte es einmal geschehn,
Daß wir uns, Bruder, in die
Arme fallen!
aus „verboten
und verbrannt“, Kindler- Verlag |
An den Leser - Franz
Werfel.pdf |
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Ich habe eine gute Tat
getan
Franz Werfel
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Herz frohlocke!
Eine gute Tat habe ich getan.
Nun bin ich nicht mehr einsam.
Ein Mensch lebt,
Es lebt ein Mensch,
Dem die Augen sich feuchten,
Denkt er an mich.
Herz, frohlocke:
Es lebt ein Mensch!
Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
Denn ich habe eine gute Tat getan,
Frohlocke, Herz!
Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.
Tausend gute Taten will ich tun!
Ich fühle schon,
Wie mich alles liebt,
Weil ich alles liebe!
Hinström ich voll Erkenntniswonne!
Du mein letztes, süßestes,
Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
Wohlwollen! Tausend gute Taten will ich tun.
Schönste Befriedigung
Wird mir zu teil:
Dankbarkeit!
Dankbarkeit der Welt.
Stille Gegenstände,
Werfen sich mir in die Arme.
Stille Gegenstände,
Die ich in einer erfüllten Stunde
Wie brave Tiere streichelte.
Mein Schreibtisch knarrt,
Ich weiß, er will mich umarmen.
Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
Geheimnisvoll und ungeschickt
Klingen alle Saiten zusammen.
Das Buch, das ich lese,
Blättert von selbst sich auf.
Ich habe eine gute Tat getan!
Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
Da werden mich die Bäume
Und Schlingpflanzen verfolgen,
Die Kräuter und Blumen
Holen mich ein,
Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
Zärtliche Zweige
binden mich fest,
Blätter überrieseln mich,
Sanft wie ein dünner,
Schütterer Wassersturz.
Viele Hände greifen nach mir,
Viele grüne Hände,
Ganz umnistet
Von Liebe und Lieblichkeit
Steh ich gefangen.
Ich habe eine gute Tat getan,
Voll Freude und Wohlwollens bin ich
Und nicht mehr einsam,
Nein, nicht mehr einsam.
Frohlocke, mein Herz! |
Ich habe
eine gute Tat getan - Franz
Werfel |
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